Wie ich im Griensteidl dem „Rachenputzer“ begegnete

Süße Kindheitserinnerung – der Grießschmarrn. Bei uns in der Familie bezeichnet man ihn aber auch gerne als „Rachenputzer“. Besonders gut schmeckt er mit einem Zwetschkenröster.

Aus dem Arbeitsjournal, Anfang Januar 2015

Es ist schon ein wenig verrückt, geschlagene sieben Stunden in einem Museum zu verbringen, oder? Da die spannend konzipierte Ausstellung „Stefan Zweig – Abschied von Europa“ im Wiener Theatermuseum offenbar nicht ausreichte, visitierte man im Anschluss noch die Ausstellung Richard Strauss und die Oper, die zeitgleich zur Zweig-Schau im ersten Stock des Theatermuseums gezeigt wurde! Verrückt! Völlig wahnsinnig und wirr im Kopf verließ man als einer der letzten Besucher das Museum und stolperte, erschöpft von dem angesammelten neuen Wissen, in die Dämmerung hinaus.

So stand man, etwas erschlagen und erhitzt, die frische Kühle des Winterabends einatmend, am Lobkowitzplatz und hatte nur noch ein Bedürfnis, welches für diesen Tag gestillt werden musste: Essen! Der ursprünglich für den Abend geplante Theaterbesuch wurde leichten Herzens vom Programm gestrichen. Zu verlockend war der Gedanke, diesen intensiven ersten Recherchetag in Wien bei einem guten Essen und Gesprächen über das Entdeckte ausklingen zu lassen.

Der Weg führte uns ins nah gelegene, legendäre Griensteidl am Michaelerplatz. Dieses bekannte Caféhaus, welches in jedem Reiseführer über Wien zu finden ist, wurde 1847 von dem ehemaligen Apotheker Heinrich Griensteidl gegründet, avancierte rasch nach seiner Gründung zu einem beliebten Treffpunkt der Wiener Künstler und Literaten. So zählten Arthur Schnitzer, Hugo von Hofmannsthal, Karl Kraus oder Arnold Schönberg zu den Stammgästen. Auch das 1990 neu eröffnete Griensteidl ist geschätzt für seine Atmosphäre – und nicht nur von den Touris, die das Café tagtäglich in Scharen besuchen.

„She has learned (and so have I) to make Palatschinken, Schmarren and Erdäpfelnudeln and other European dishes.“
(Lotte Zweig)

Nachdem wir das obligatorische Wiener Schnitzel mit Erdäpfelsalat verspeist hatten, warf ich noch einen zweiten, schnellen Blick auf das Mehlspeisen-Angebot im Griensteidl und was entdeckte ich? Neben Kaiserschmarrn und Strudel wurde ich von einem Grießschmarrn überrascht! Grießschmarrn! Den habe ich ja noch nie auf einer (deutschen) Speisekarte gelesen! Man muss ja schon froh sein, wenn man (hierzulande) einen wirklich hausgemachten Kaiserschmarrn serviert bekommt. Aber mit einem Grießschmarrn habe ich selbst im Griensteidl nicht gerechnet. Dieser „Schmarrn“ zählt seit Kindertagen zu meinen absoluten Lieblings-Mehlspeisen. Da lass ich sogar einen Kaiserschmarrn links liegen! Ob Aurea, das brasilianische Dienstmädchen, den Zweigs wohl im fernen Petrópolis einen Grießschmarrn gegen das Heimweh serviert hat? Man möche es ihnen wünschen … Am 7. November 1941 konnte Lotte Zweig jedenfalls an Hannah Altmann berichten, dass Aurea sich sowohl mit der österreichischen, als auch mit der europäischen Küche vertraut gemacht hatte.

Grießschmarrn geht schnell von der Hand und es kann im Grunde überhaupt nichts schief gehen. Er ist auch nicht so aufwendig wie der Kaiserschmarrn. Bei uns gab es ihn meistens am Freitagmittag, am traditionellen Mehlspeisen-Tag. Seit meinem Wien-Besuch im Januar gibts ihn jetzt auch wieder öfters, denn der Schmarrn im Griendsteidl war einfach ein kleiner Mehlspeisentraum, den man immer wieder erleben möchte. Wenn ihr mal im Griensteidl vorbeischaut und der kleine Bruder vom Kaiserschmarrn ist auf der Karte, frisch und süß, dann lasst ihn euch nicht entgehen. Selbst nach einem Schnitzel sollte noch Platz für den „Rachenputzer“ sein. („Rachenputzer“ wird er deshalb bei uns genannt, weil er manchmal im Rachen „kratzt“, wenn er zu trocken geraten ist…)  Aber am Besten ist es, ihr versucht Euch gleich selber beim „Schmarrn“ machen.

Familien-Rezept Grießschmarrn „Rachenputzer“ (ca. 4 Portionen)

500 ml Milch // Hartweizengrieß // Prise Salz // Puderzucker // Zwetschkenröster // Butterschmalz 

Die kalte Milch in eine große Rührschüssel geben und nach und nach den Hartweizengrieß einrühren, bis ein nicht zu fester Brei entstanden ist. Mit einer Prise Salz abschmecken und etwa 15 Minuten quellen lassen. Sollte nach dem Quellen der Grießbrei zu fest sein, einfach noch Milch dazugeben. In einer beschichteten Pfanne etwas Butterschmalz erhitzen und wie beim Pfannkuchenbacken eine Suppenkelle voll Grießbrei in die Pfanne geben. Sobald die untere Seite schön goldbraun herausgebacken wurde, wenden und zügig den entstandenen Fladen in kleinere Teile reißen und ihn während des Röstens mit einer Gabel immer weiter zerteilen und „zerbröseln“, bis ein schöner, goldbrauner „Schmarrn“ entstanden ist. Damit der Schmarrn nicht austrocknet, aufpassen, dass die Pfanne nicht zu heiß wird. Bei Bedarf während des Röstens noch etwas Butterschmalz dazugeben. Die Portion auf einem Teller anrichten, mit Puderzucker bestäuben und sofort servieren. Dazu schmeckt am Besten ein Zwetschkenröster und Kaffee.

Besonderer Tipp: Während der Schmarrn in der Pfanne seine goldbraune Farbe erhält, einen Hauch von Zimt-Zucker darüber streuen …

Mozarts Veilchen – ein letzter Abschiedsgruß vom Stefzi

Aus dem Arbeitsjournal, 14. April 2015

Heute bei der Durchsicht meiner bisherigen Notizen zu Stefan Zweig das Veilchen von Mozart entdeckt. Stefan Zweig war leidenschaftlicher Autographensammler. Diese Leidenschaft begann bereits in frühester Jugend mit dem sammeln von Autogrammen. Um an die begehrten Handschriften zu kommen, musste er den damaligen Stars von Burgtheater und Oper regelrecht am „Bühnentürl“ aufgelauert haben. Die spätere, stattliche Autographensammlung Stefan Zweigs beinhaltete sowohl Manuskripte von namhaften Schriftsteller-Persönlichkeiten, als auch Notenhandschriften, unter anderem eben die von Wolfgang Amadeus Mozarts Veilchen oder Franz Schuberts An die Musik.

Als einer der wenigen Autographen begleitete ihn Mozarts Veilchen bis nach Brasilien. Seit 1935 war es in Zweigs Besitz. Seine wertvolle Bibliothek musste er bereits in Bath, England, zurücklassen und in New York hatte er kaum noch neue Bücher für seine Arbeit erworben. Seine geliebte Autographensammlung, auf die er so stolz war, verfügte in Petrópolis nur noch eine überschaubare Anzahl von handschriftlichen Manuskripten. Nach seinem Tod, so bestimmte Stefan Zweig, sollte Friderike Zweig den Autographen von Mozarts Veilchen erhalten. Ein letzter Gruß aus der Ferne.

„Der Sturm reißt den Baum um, aber nicht das Veilchen, der leiseste Abendwind bewegt das Veilchen, aber nicht den Baum.“

(Heinrich von Kleist)

Die bezaubernde Einfachheit des Wesens Stefan Zweigs

In der Ausstellung „Stefan Zweig – Abschied von Europa“ sind viele Porträtaufnahmen von Stefan Zweig zu sehen. Der Autor ließ im Wiener Atelier von Franz Xaver Setzer zahlreiche Aufnahmeserien von sich und seiner ersten Ehefrau Friderike anfertigen. (Bild: 1920, Platte 9226)

„Der äußere Eindruck, den man von diesem eigenartigen Menschen gewinnt, verwischt manche Vorstellung, die man sich von dem Dichter Stefan Zweig gemacht hat. Eine Begegnung mit ihm ist beileibe nicht enttäuschend, nur so ganz anders, als erwartet. Sein Wesen ist so behutsam reserviert und bescheiden, daß man im Gespräch über Alltägliches die Erinnerung an die kraftvoll mächtige Sprache seiner Novellen und Romane, seiner Gedichte und Dramen verliert. Die bezaubernde Einfachheit seiner Erscheinung und seines Wesens überwältigt.“ 

(Egon Michael Salzer)

Aus dem Arbeitsjournal, Anfang Januar 2015

Die berühmte Schachnovelle oder seine Lebenserinnerungen in der Welt von Gestern, beides in viele Sprachen übersetzt, zählen zu den Werken der großen Literatur es 20. Jahrhunderts und werden bis heute überall auf der Welt gelesen. Seine funkelnden Sternstunden der Menschheit, historische Miniaturen, fein in der Sprache, erzählen detailreich von den schicksalhaften Augenblicken der Menschheit, die so viel spannender sind, als manch zeitgenössischer, moderner Roman. Diese Miniaturen, sie glänzen noch heute und bereichern jedes Bücherregal. 

Ich bin den Sternstunden zum ersten Mal im Frühjahr 2004 während meiner Recherche zur Weißen Rose begegnet, als ich für die Uraufführung des gleichnamigen Schauspiels von Jutta Schubert unzählige Bücher über die Münchner Widerstandsgruppe las. Der Autor der Sternstunden war innerhalb des Scholl-Schmorell-Kreises sehr geschätzt und man kann es sich lebhaft vorstellen, wie Alexander Schmorell, in Russland geboren, die Minitatur über Dostojewski und dessen Begnadigung auf der Hinrichtungsstätte verinnerlicht hat. Bei der ersten Lektüre von Laurent Seksiks Paradies Petrópolis, musste ich unweigerlich an diese Szene im Stück von Jutta Schubert denken, in der Hans Scholl dem Schurik eine Ausgabe der Sternstunden zum Lesen überreichte. „Stefan Zweig?“, fragt Schmorell interessiert, „Jude?“ „Ja, geflohen.“, antwortet Scholl kurz und knapp.

„Bei (…) gestrigen Gedanken über Deine Freunde (…) fiel mir andererseits schwer aufs Herz, daß Dich kein Mensch – außer mir – wirklich kennt, und daß einmal die hohlsten, blödsinnigsten Sachen über Dich geschrieben sein werden. Allerdings läßt Du Dir ja auch wenige mehr nahe genug kommen und bist, was Deine eigene Person betrifft, verschlossen (nur zu begreiflich). Dein Schrifttum ist ja nur ein Drittel Deines Selbst, und auch das Wesentliche daraus für die Deutung der anderen zwei Drittel hat niemand erfaßt.“

(Friderike Zweig)

Ja, wer war dieser Stefan Zweig? Über sich und seine innersten Gedanken und Gefühle vermochte er nur selten Auskunft zu geben. Stefzi, so wurde er liebevoll von seiner ersten Ehefrau Friderike genannt, wirkte wohl selbst auf engste Freunde und Bekannte oft verschlossen, nahezu schüchtern. In Gesellschaften hielt er sich vornehm zurück, sensibel und still. Dennoch konnte er Besucher seines Hauses auf dem Kapuzinerberg in Salzburg gelegentlich überrraschen, wenn er ihnen in den damals so modernen kurzen Hosen die Tür zu seiner „Villa Europa“ öffnete. Ja, da staunten sie nicht schlecht! Der Zweig Stefzi leger, sportlich, in der „Kurzen“. Wer hätte das für möglich gehalten! Kannte man ihn doch von den zahlreichen Fotografien nur mit perfekt sitzenden Anzügen. „Dein Schrifttum ist ja nur ein Drittel Deines Selbst“, schrieb Friderike Zweig 1930 an ihren Ehemann. Stefan Zweig, eine rätselhafte Persönlichkeit, der sich nicht gerne hinters Gesicht schauen ließ.

Stefan Zweig, Salzburg 1933.

Am 2. Januar 2015 reiste ich mit dem Zug von Bad Aibling  über Salzburg, wo ich mit Sicherheit noch in diesem Jahr für einen längeren Aufenthalt vorbeischauen werde, um am dortigen Stefan Zweig Centre meine Recherchen zu intensivieren, nach Wien. Dort besuchte ich zum Auftakt  die dramaturgisch perfekt inszenierte Ausstellung „Stefan Zweig – Abschied von Europa“ im Theatermuseum Wien, auf die ich in einem folgenden Blogpost noch näher eingehen werde. Wer sich intensiver mit dem Leben und Werk Stefan Zweigs beschäftigen möchte, dem kann ich an dieser Stelle nur die Biografie „Drei Leben“  von Oliver Matuschek empfehlen. Flüssig, sachlich und mit vielen spannenden Details versehen führt Matuschek seine Leser durch die drei Leben des Stefan Zweig. Auch mir hat diese Biografie den Einstieg in das Leben und Werk Zweigs erleichtert und neugierig gemacht, das Wesen des Weltenbürgers Zweig zu erforschen, zu hinterfragen.

Drei Leben“, so sollte auch ursprünglich die von Stefan Zweig als Autobiografie geplante Welt von Gestern heißen. Stefan Zweig teilte seine Erinnerungen in drei wesentliche Lebensabschnitte ein: das erste Leben spielte sich bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges in einem scheinbar wohlbehüteten, gutbürgerlichen Milieu in Wien ab. Das zweite Leben war wohl das produktivste und erfolgreichste Stefan Zweigs, da sich in diesem Abschnitt sein Aufstieg zu einem der meistgelesenen und bekanntesten Schriftsteller seiner Zeit vollzog. Spätestens 1933 begann für Stefan Zweig sein drittes, kürzestes Leben. Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde Zweig zu einem verbotenen Schriftsteller. Seine Bücher wurden aus den Bibliotheken und Buchhandlungen verbannt, später verbrannt. Noch vor dem Anschluss Österreichs 1938 emigrierte Stefan Zweig ins Ausland. Die letzten Jahre seines Lebens verbrachte Zweig im Exil.

„Die Welt von Gestern“ ist mehr die Chronik einer untergehenden Gesellschaft, als eine Autobiografie. So hat Stefan Zweig seine beiden Ehefrauen in dem gesamten Manuskript, welches er natürlich wie immer mit seiner zum Markenzeichen gewordenen violetten Tinte schrieb, mit keinem Wort erwähnt. Dennoch wurde Die Welt von Gestern zu einem seiner persönlichsten Werke.

Die Reise nach Petrópolis beginnt

„Ich habe meiner Person niemals so viel Wichtigkeit beigemessen, dass es mich verlockt hätte, anderen die Geschichten meines Lebens zu erzählen.“

(Stefan Zweig)

Der konzeptionell intigrierte Innenhof des Theatermuseums Wien während der Ausstellung „Stefan Zweig – Abschied von Europa“. Am 25.6.1940 reisten Lotte und Stefan Zweig auf dem Passagierschiff Scythia von Liverpool nach New York. (Foto: Reinhard Widerin, Januar 2015)

Aus dem Arbeitsjournal, Anfang Januar 2015

In den Tagen vor dem Jahreswechsel 14/15 habe ich begonnen, eine spannende wie auch detailreiche Regiearbeit vorzubereiten, welches das Exil eines der wohl bedeutendsten deutschsprachigen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts thematisieren wird: Stefan Zweig.

Das Schauspiel Paradies Petrópolis wird im Herbst 2015 durch das Junge Schauspiel Ensemble München seine deutschsprachige Erstaufführung erleben und basiert auf dem Roman Vorgefühl der nahen Nacht des französischen Bestseller-Autors Laurent Seksik, der den Stoff auch für die Bühne adaptierte. Anrührend und unsentimental erzählt Seksik von den letzten Lebenstagen des berühmten Weltenbürgers Stefan Zweig, welche dieser zusammen mit seiner zweiten Ehefrau Lotte in Petrópolis, einer Stadt im Nationalpark Serra dos Órgaos, 60 Kilometer nördlich der brasilianischen Metropole Rio de Janeiro, verbrachte. Auf der Flucht vor den Nationalsozialisten glauben Stefan Zweig und seine junge Frau Lotte, im brasilianischen Petrópolis das Paradies gefunden zu haben:

„Selten in meinem Leben habe ich einen angenehmeren Ort gesehen, ruhig, eine geschmackvolle Stadt. Der kleine Bungalow mit seiner großen Terrasse hat eine wunderbare Sicht in die Berge, und gleich gegenüber hat es ein kleines Kaffeehaus, das Café Elegante, wo ich für ein paar Groschen einen wunderbaren Kaffee bekomme.“

(Stefan Zweig)

Petrópolis  wurde 1825 von Auswanderern aus Tirol gegründet und zählt heute mittlerweile rund 350.000 Einwohner. Schon früh war die damalige Kleinstadt bei den wohlhabenden Bewohnern Rios sehr geschätzt, um dort in den Bergen die heißen Sommermonate zu verbringen. Vielleicht erinnerte auch dehalb die Landschaft der Serra dos Órgaos Stefan Zweig an den fernen Semmering, vor den Toren Wiens. Namhafte Zeitgenossen Zweigs, die besonders das Geistes- und Kulturleben Wiens vor und nach dem Ersten Weltkrieg prägten, wie Arthur Schnitzler, Hugo von Hofmannsthal, Karl Kraus, Alfred Polgar, Gustav Mahler, Franz Werfel, Sigmund Freud, Robert Musil oder Felix Salten, liebten den Semmering und kamen alljährlich zur Sommerfrische. Vielleicht war es diese Erinnerung an diesen fernen  Ort in der alten Heimat, der das Leben im brasilianischen Exil für Stefan Zweig etwas erträglicher gestaltete. Vielleicht war aber auch gerade diese Erinnerung daran am Ende zu schmerzvoll, die Angst und die Befürchtung zu groß, nie wieder nach Europa zurückkehren zu können. Das Paradies Petrópolis wurde zur Endstadtion seines Lebens. Stefan Zweig nahm sich zusammen mit seiner Frau Lotte am 22. Februar 1942 in dem kleinen Bungalow an der Rua Goncalves Dias 34 das Leben. 

„Ich hatte eine Art Zusammenbruch, und die Vereinigten Staaten waren zu groß für mich. Ich konnte dieses Leben in Hotels nicht länger ertragen.“

(Stefan Zweig)

Stefan Zweig, Karikatur, vermutlich von Alfred Polgar, 1914. Aufgenommen im Theatermuseum Wien, Ausstellung „Stefan Zweig – Abschied von Europa“, Januar 2015

Stefan Zweig hat nach eigenen Angaben seiner „Person niemals so viel Wichtigkeit beigemessen“, dass es ihm verlockt hätte, anderen die Geschichte seines Lebens zu erzählen. So sind auch seine Erinnerungen an die Welt von Gestern weit mehr als eine übliche Autobiografie: Stefan Zweig erzählte in seinem postum erschienen Werk seine Lebensgeschichte und zugleich die seiner Generation. Einer Generation, die vor sich selbst fliehend, dem Untergang zusteuerte.

In dem Kammerspiel Paradies Petrópolis lässt der französische Dramatiker Laurent Seksik den großen Erzähler Stefan Zweig am Ende seines Lebens traumverloren durch die Welt von Gestern wandeln, dem Morgen sich immer weiter entfernend. Rückblickend, in inneren Monologen, hält Zweig Zwiesprache mit den Protagonisten seines Lebens, die er in der Welt von Gestern zurücklassen musste. Zwischen der Nostalgie des prunkvollen Wiens, des barocken Salzburgs und der Unbesonnenheit des Karnevals in Rio erzählt das Stück die erschütternde Geschichte der letzten Stunden Stefan Zweigs – und die Geschichte seiner letzten Liebe: Lotte.

Ich beginne meine Reise nach Petrópolis dort, wo alles begonnen hat. In der Stadt, in der Stefan Zweig, am 28. November 1881 geboren wurde: in Wien.

Orte der Inspiration

Freitag, 24. Oktober 2014
Auf der Bahnfahrt vom bayersichen Oberland, durch das Salzburger Land, hinüber ins Steirische, nach Liezen. Dort am Abend eine Lesung über den Widerstand der „Weißen Rose“.

Es ist sicherlich kein Zufall, dass ich in einem Zug beginne, an meinem Blogpost für die Blogparade #KultTipp zu schreiben. Sitzend im EC Richtung Graz, über Rosenheim und Salzburg nach Liezen in der Steiermark genieße ich den Blick auf die vorbeihuschenden, herbstlichen Landschaften. Bunte Farbtupfer, die aus dem nebligen Nichts auftauchen und wieder verschwinden. Wie meine Gedanken, lichtblitzartig. Wenn alles klappt und es keine Verspätungen oder sonstige kleine „Katastrophen“ mit der Bahn gibt, ist es wunderbar mit dem Zug durch die Landen zu reisen, findet ihr nicht? Einsteigen, Platz nehmen und den Gedanken freie Fahrt wünschen. Ja, ich liebe es mit der Bahn zu reisen.
Mit einem guten Buch im Gepäck kann eigentlich nichts mehr schief gehen. Wenn ich nicht lesend die Fahrt verbringe, widme ich mich gerne meinen Gedanken und Ideen zu einem neuen Projekt oder ich versuche an einer aktuellen Regiearbeit zu feilen. Deshalb liegt auch immer ein Notizbuch griffbereit in der Tasche. Gerade, wenn wie in den letzten Tagen die „Theaterwelten“ sehr arbeitsintensiv, nervenaufreibend waren und mit schier unlösbaren Problemen ausgefüllt sind, genieße ich meine Zugreisen besonders. Sie bringen mich raus aus dem Alltag. Kann mit etwas Abstand vieles neu durch- und weiterdenken, Luft holen. Zugfahren ist für mich zu einem kleinen Inspirationsort geworden.

Jede Idee hat ihren Ursprung in der Inspiration

Inspirationen sind wichtig für meine Arbeit. Was wären wir am Theater ohne eine gute Inspiration? Jede Idee die wir zu einem Stücktext, zu einer Rollenfigur oder einem Regiekonzept haben, hat ihren Ursprung in einer Inspiration.

So lasse ich, wenn es die Zeit erlaubt, gerne einen Probentag im Münchner Lenbachhaus ausklingen. Die weitläufigen Räume des Museums, die den Werken und den Besuchern seit dem Umbau noch mehr „Luft zum Atmen“ geben, gefallen mir sehr gut und ich kann dort wunderbar zur Ruhe komme. Für meine Besuche nutze ich vor allem die verlängerten Öffnungszeiten am Dienstagabend und Dank der Jahreskarte habe ich auch die Möglichkeit, mich öfters und intensiver mit einem Werk zu beschäftigen.
Für meine letzte Inszenierung, der Judenbank, hat mich die Installation „zeig deine Wunde“ von Joseph Beuys zu einer ersten Idee für mein Regiekonzept geführt. Die beiden Leichenbahren, die alte Gegenstände aus der Pathologie inspirierten mich zu einem kühlen Raum, in dem ein Mensch, kurz vor seinem Tod sein Leben erzählt. Diese Raumidee wurde von meiner Bühnenbildnerin Aylin Kaip weitergedacht und sie hat unserem Schauspieler Joachim Aßfalg einen wunderbaren, gläsernen Kasten gebaut, in dem er nackt und ausgestellt, von allen angestarrt, sein Leben auf dem Dorf in den 1930er Jahren erzählt.

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Die Leichenbaren aus „zeig deine Wunde“ von Joseph Beuys. Während meiner Recherche zur „Judenbank“ im Januar 2013

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Während eines Besuches im „Lenbachhaus“, Januar 2013.

Während der Vorbereitungszeit für die Judenbank bin ich oft und lange in diesem Raum von Joseph Beuys gesessen. Um auf „lichtere“ Gedanken zu kommen, musste ich dann aber immer zum Abschluss bei August Macke vorbeischauen, einem der prägendsten Künstler des Blauen Reiters. Vor seinen Bildern wie dem Türkischen Café oder seinem Zoologischen Garten kann man so herrlich durchatmen und den Alltag für einem kurzen Moment hinter sich lassen. So, aber jetzt brauche ich aber unbedingt einen Kaffee!

Das Cafféfee – eine Oase in der Stadt

Entweder ich setze mich anschließend noch kurz ins Ella oder ich fahre zu dem wohl kleinstem Café der Stadt und statte der Münchner Cafféfee einen Besuch ab. Im Hochhaus an der Blumenstraße, Unterer Anger 4, schräg gegenüber befindet sich das Münchner Marionettentheater, hat sich die wohl quirligste Halbrömerin der Stadt, Adriana Adinolfi, einen Traum erfüllt: ein gemütliches, sympathisches Café, nicht größer als ein Kiosk, mit Köstlichkeiten wie italienische Cornetti mit einer verführerischen (lauwarmen!) Aprikosenfüllung oder den handgemachten Florentinern. Dazu einen schönen Cappuccino und schon beginnen die Inspirationen zu fließen … Das Cafféfee, eine Oase mitten in der Stadt. Vielleicht trifft man sich ja mal dort auf einen Kaffee? Mein Geheimtipp: unbedingt mal den Saltimbocca Toasti probieren!

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Adriana Adinolfi vor ihrem Cafféfee

Salzburg – wunderbares Weltentheater

Kurz vor Salzburg erblicke ich auf den Bergen den ersten Schnee des Jahres. Wie so oft umwabert eine dichte Nebelbrühe die Stadt und es scheint fast, als ob ihr der feuchte, verhüllende Schleier, nach den turbulenten Festspielwochen im Sommer, etwas Ruhe gönnen möchte, bevor in wenigen Wochen, pünktlich zur Adventszeit, wieder Heerscharen von Touristen aus aller Welt die kleine Stadt an der Salzach stürmen und bevölkern, um sich kurzweilig durch den aufgeladenen Barockkitsch in Weihnachtsstimmung zu versetzen. Salzburg, dieses wunderbare Weltentheater – immer eine Entdeckung wert.
Wie wäre es jetzt einfach auszusteigen, um den Kapuzinerberg zu besteigen, auf dem sich Stefan Zweig ab 1917 sein Refugium einrichtete, zusammen mit seiner ersten Frau Friderike? Von dort oben hat man einen herrlichen Blick über die Stadt, hinüber zum großen Bruder, dem Mönchsberg, auf dem eines meiner Lieblingsmuseen zu finden ist: das Museum der Moderne.

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Blick auf Salzburger Dom und Petersfriedhof

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Nebelbrühe in und um Salzburg herum. April 2013

„Sind Sie im Sommer wieder in St. Wolfgang? Ich komme da leicht einmal hin von Salzburg, wo ich mich wunderbar wohl fühle, zutiefst selig, der verlorenen Stadt entronnen zu sein. Der Tag ist hier länger, das Leben wirklicher – alles Fühlen lebendiger.“ (Stefan Zweig, Weihnachten 1919 in einem Brief an die Schriftstellerkollegin Gisela von Berger)

Die aktuelle Ausstellung im Museum der Moderne, Systeme und Subjekte, werde ich mir wohl erst zu Beginn des nächsten Jahres ansehen können, wenn ich mich für Recherchen zum Stefan-Zweig-Projekt wieder in der Stadt aufhalten werde. Aber sie klingt vielversprechend: Werke aus der Sammlung Generali Foundation werden mit denen von Max Beckmann und Max Klinger in Beziehung gesetzt.

Salzburg, so klein und verwinkelt es sein mag, ich komme immer gerne für Kurzbesuche hier her und darf es dann nicht versäumen, dem Salzburger Schauspielschaus, ehemals Elisabethbühne, einen Besuch abzustatten. Moderne, spannende Theaterabende durfte ich hier schon erleben. In bester Erinnerung Der Vorname, eine Komödie von Matthieu Delaporte und Alexandre de la Patelliére, die mittlerweile landauf, landab auf jeder städtischen Bühne zu sehen ist. Hier in Salzburg hat mir besonders die einfache und doch passende Ausstattung gefallen. Ein Konzept, das auch durch das spielfreudige Ensemble aufging.

Für jeden, der Salzburg abseits der Touristenströme erkunden möchte, sei das Buch Das Salzburg des Stefan Zweig empfohlen. Ein schmales, leicht zu lesendes Bändchen von Oliver Matuschek, das Lust macht, das literarische Salzburg zu erkunden. Für mich, der 2015 die letzten Tage von Stefan Zweig im brasilianischen Petrópolis auf die Bühne bringen möchte, ein unbedingtes, literarisches Muss. Sicherlich wird es mich im Winter 2015 auf meinen Spaziergängen durch Salzburg begleiten. Auf der Suche nach einer Inspiration …

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Innenansicht des Salzburger Landestheaters, kurz vor einer Aufführung des „Werthers“, April 2013

Anhang 1(2)

Eine Möwe über der Salzach. Salzburg im April 2013

Zurück in München wird mich sicherlich in den nächsten Tagen der Weg in meine Stammbuchhandlung Buch & Bohne am Kapuzinerplatz führen. Hier bestelle ich die meisten Bücher für meine Recherchen zu den Theaterproduktionen, die, wenn ich für das Junge Schauspiel Ensemble München inszeniere, im Kleinen Theater Haar ihre Premiere erleben. Eine Buchhandlung, in der schon so manche Idee für eine Inszenierung oder Lesung geboren wurde. Vieles wurde dort in intensiven Gesprächen und Begegnungen mit Literatur- und Theaterfans an- und weitergedacht. Ein wahrer Ort der Inspiration! 

Das Kleine Theater Haar, dieses Jungedstil-Juwel im Münchner Osten, muss ich Euch einmal in einem gesonderten Blog näher vorstellen. Ein Theater im Aufbruch, welches ich vor ein paar Jahren für mein Ensemble entdeckt habe. Seit 2010 versuchen wir mit unseren Inszenierungen das Theater neu zu beleben und es für ein größeres Publikum zu öffnen. So auch wieder im kommenden Dezember, wenn wir dort am 5. Dezember 2014 die Uraufführung von Mischpoke – Neuer Besuch bei Mr. Green feiern werden.

So, gleich muss ich aussteigen, Haltestelle Liezen. Offen für jede Inspiration … 

Zwischen all den Ideen zu meinen „Theaterwelten“, die teilweise noch wild in meinem Kopf und Notizbuch herumliegen, ist mir vor wenigen Wochen bei Twitter eine Einladung zu einer Blogparade entgegengeflattert: Tanja Prakse ist neugierig auf einen #KultTipp! Dieser Text entstand für diese Blogparade.

Die Charaktere weiterdenken – Die Rollenbiografien sind Leben zwischen den Zeilen

„Ein Regisseur muss die Begabung haben, viele Menschen in einem Raum, die viel Angst haben und sehr im Stress sind, kreativ zu kriegen.“ (Thomas Ostermeier, Intendant Schaubühne Berlin, Interview in der „Berliner Morgenpost“, 10.10.2014)

Wenn in der kommenden Woche die szenischen Proben zu meiner neuesten Regiearbeit Mischpoke beginnen, werden wir bereits mit einer Fülle an Material in den leeren Bühnenraum treten und diesen Schritt für Schritt mit unseren Ideen, Gedanken und Interpretationen mit Leben füllen und diese während des Probierens weiterdenken.
Seit einigen Wochen beschäftigen wir uns nun schon mit dem Text von Jeff Baron und haben in ausgedehnten Leseproben versucht, zwischen und hinter die Zeilen zu blicken. Was gibt es zu entdecken, was uns der Text nicht gleich im ersten Moment des Lesens verrät? Was verraten uns die Figuren übereinander, was verschweigen sie uns und was macht sich beim Autor nur als ein leiser Zwischenton bemerkbar, der aber für das Geheimnis der Figuren von großer Wichtigkeit ist?

Diese Leseproben, die für gewöhnlich an einem großen Tisch inmitten der leeren Probebühne stattfinden, sind für mich und meine Art an Stücke heranzugehen unglaublich wichtig. Sie sind für mich eine reiche Phantasie- und Inspirationsquelle. Nur selten beginne ich szenische Proben ohne vorher ausgedehnte Leseproben abgehalten zu haben. Besonders bei komplexen Stücken, wie z.B. einem Klassiker, kann diese intensive Vorprobenzeit eine große Hilfe sein und sich schon mal über zwei bis drei Wochen erstrecken.
Dabei wird das Stück nicht nur immer wieder aufs Neue gelesen, sondern ich entwickle währenddessen für jede Figur, aus den Gesprächen mit den Schauspielern heraus, eine spezifische Rollenbiografie. Wir durchdringen gemeinsam, von Probe zu Probe mehr, das Stück und die darin handelnden Figuren. Mit der Zeit entwickelt sich für jeden einzelnen Charakter der Handlung eine genaue, detaillierte Lebensbiografie, die im Spiel, bei Beginn des Stücks, ihre Fortsetzung findet.

Elementare Basis meiner Arbeit ist für mich der Text des Autors. Der Text ist Arbeits- und zugleich Spielmaterial, dem ich mich zu stellen und den ich zu hinterfragen habe. Wie meinte Thomas Ostermeier vor wenigen Tagen in einem Interview mit der „Berliner Morgenpost“? „Regisseure sind überflüssig. Sie sind Handwerker, sie sind keine originären Künstler…“ Ich kann ihm nur zustimmen. Ja, wir Regisseure sind keine eigenständigen Künstler und als Künstler habe ich mich noch nie gesehen. Das ist eine Illusion, der einige Kollegen immer wieder erliegen.
Ich würde mich als Geschichtenerzähler bezeichnen, der zusammen mit den Schauspielern die Stimme des Autors befreit. Dazu gehört natürlich auch eine kritische Auseinandersetzung mit dem Text. Der Text, die Geschichte bleibt und ist existenzielles Arbeitsmaterial für mich als Regisseur. Ohne eine Geschichte wäre ich womöglich als Regisseur gar nicht existent. Überflüssig.

Basierend auf dem Text kann sich für die Figuren – und somit auch für die Schauspieler – eine spannende und für eine „Geschichte hinter der Geschichte“ wichtige Biografie entwickeln. Rollenbiografien können und dürfen sich während des Probenprozesses ändern, da die Schauspieler durch die tägliche Probenarbeit weitet in ihren Rollen vordringen und sich daraus zunehmend mehr Feinheiten und Rollendetails „rausschälen“. So darf im Laufe der Proben eine Biografie geändert, angeglichen oder auch verworfen werden.

Die Geschichte einer Rollenbiografie sollte so lebendig und wendig erzählt werden, wie das Leben. Ein rasantes auf und nieder. Bitte, auf gar keinen Fall eine Biografie linear langweilig und ohne Brüche erzählen! Was langweilt uns mehr, als ein fades Leben? Selbst Schauspieler denken zuweilen viel zu brav und korrekt in ihren Rollenbiografien und gestatten ihren Figuren und deren Lebenssituationen nicht die geringste Verrücktheit oder Absurdität. Dabei, was gibt es Verrückteres als das Leben? Deshalb zieht es uns doch auch zum Theater, um dieses „Verrücktsein“ zu erleben. Egal, ob nun als Akteur auf der Bühne oder als Zuschauer. In unseren realen Leben gestatten wir uns viel zu selten uns zu „verrücken“ …

Je intensiver, abwechslungsreicher eine Lebensgeschichte phantasiert wird, desto lebendiger, greifbarer wird der zu darstellende Charakter. Existenzielle Entscheidungen und Einschnitte in den Rollenbiografien prägen den Charakter der Rolle und lassen ihn interessant werden. Gerade bei einem realistischem, detailreichem Theaterstück wie Mischpoke ist es nicht unwichtig, ein solches Fundament für die einzelnen Charaktere zu erfinden.

Ich erkenne immer mehr in meiner Arbeit wie wichtig die Frage aller Fragen für Schauspieler und Regisseure ist: „Woher kommt die Figur?“ „Was hat sich in diesem Leben bisher ereignet?“ „Was hat das Leben mit dem Charakter angestellt?“ und „Was für Geheimnisse und Überraschungen hält es noch für diesen bereit?“ Schlussendlich wirkt sich die Vergangenheit, das Erlebte immer wieder auf den Moment, auf den Augenblick aus. Ohne erlebte Vergangenheit ist für die handelnde Rolle keine Zukunftsvision möglich. „Wohin will ich?“, eine ebenfalls entscheidende wichtige Frage, die sich Schauspieler und Regisseure zwangsläufig bei der täglichen Probenarbeit stellen müssen.

In Jeff Barons Komödie Mischpoke schlummern viele Geheimnisse, vieles bleibt unausgesprochen. Humorvoll wird von der Suche nach der eigenen Identität erzählt. Zum einen gibt es die junge Jüdin Chana, die ohne religiöse Strukturen aufgewachsen ist und nun ihre familiären Wurzeln kennenlernen möchte. Zum anderen Ross und Chris, ein schwules Paar, die sich mit der Frage konfrontiert sehen, ob denn das konventionelle „Familienmodell“ für sie überhaupt „lebbar“ ist.
Spannend und faszinierend, wie sich in den letzten Probetagen bei den Schauspielern durch das intensive weiterdenken des Textes die Rollenbiografien und somit auch die Charaktere der Rollen entwickelt haben. Eine gut gefütterte und mit viel Phantasie ausgestattete Rollenbiografie erlaubt den Schauspielern beim Probieren eine größere Freiheit und Flexibilität bei der Interpretation des Textes.

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MISCHPOKE – Eine Komödie über den Wahnsinn Familie

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Ein kauziger Jude, seine orthodoxe Enkelin und zwei Schwule formieren sich zur glücklichen MISCHPOKE. Doch der Jüngsten wird’s zu bunt …

MISCHPOKE – Diese humorvolle, wie auch nachdenklich stimmende Komödie über neue Familienformen und Modelle von Jeff Baron, der schon mit BESUCH BEI MR. GREEN einen großen, weltweiten Erfolg geschaffen hat, werde ich zusammen mit meinem Team in den nächsten zwei Monaten zur Uraufführung bringen.
Nachdem wir in den vergangenen Wochen sehr viel im Stück gelesen und schon manchen interessanten Gedanken diskutiert haben, beginnen am kommenden Montag in München die szenischen Proben. Wie bereits in BESUCH BEI MR. GREEN werden Dirk Bender und Joachim Aßfalg in den Rollen von Mr. Green und Ross Gardiner zu erleben sein. Neu zur Green-Mischpoke gesellen sich Anna März als Greens Enkelin Chana und Ruben Hagspiel als Chris, dem Lebensgefährten von Ross. Die Uraufführung findet am 5. Dezember 2014 im Kleinen Theater Haar b. München statt. Karten können online oder telefonisch reserviert werden unter www.kleinestheaterhaar.de

Theaterwelten öffnen sich

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Heute an einem ganz beliebigen Tage beginne ich wieder – zum wievielten Male! – mein Tagebuch … (Stefan Zweig)

… man kann förmlich den Seufzer Stefan Zweigs hören, den er seinen Zeilen vom 10. September 1912 mit auf dem Weg gegeben hat. Er begann wieder mit dem Schreiben eines Tagebuchs. Doch, wie lange er wohl diesmal durchhalten wird? Zu oft hat er schon mit persönlichen Notaten begonnen, um sie dann kurze Zeit später wieder beiseite zu legen.
„Der Grund – ich spürte gerade im Wiederlesen eines Früheren, wie matt, wie gefährlich, wie krankhaft matt mein Gedächtnis geworden ist“, so Stefan Zweig zur Begründung seines wiederholten Versuchs. Er glaubte wohl auch diesmal nicht an die kontinuierliche Arbeit an einem Tagebuch.
Gerade in schwierigen Lebenssituationen oder in den bedrohlichen Kriegsjahren wird es ihm zunehmend schwerer fallen, täglich Rechenschaft über das Erlebte abzulegen. So wird er nach dem Untergang seines verehrten Kaiserreiches 1918 dreizehn Jahre lang kein Tagebuch mehr führen.

Heute an einem beliebigen Tage beginne auch ich wieder – zum wievielten Male! – eine Art öffentliches Arbeitstagebuch zu führen. Den tief sitzenden Stoßseufzer Stefan Zweigs in mir, überlege ich, wie lange ich wohl diesmal durchhalte. Die beiden letzten Versuche sind bereits nach einer kurzen Welle der Euphorie in der Anfangsphase sang und klanglos eingeschlafen. In beiden Fällen hat dem Ganzen mit Sicherheit vor allem eine Struktur gefehlt, die man für einen Blog auf alle Fälle haben sollte. Zudem hat mir die Form der Darstellung und die begrenzten Möglichkeiten des bisherigen Bloganbieters nicht zugesagt.
Mir ist es wichtig, dass ich mit diesem neuen Blog eine Übersicht über meine bisherigen Arbeiten liefern und natürlich die Entstehungsprozesse während der Produktionszeit mit Texten und Bildern begleiten kann. Dieser Blog soll ein lebendiges Arbeitsjournal werden, welches meine Arbeit als Geschichtenerzähler am Theater sichtbar, erlebbar und greifbar macht. Da der aktive Theaterbesuch meiner Meinung nach schon zu Hause beginnt, möchte ich den zukünftigen Zuschauer meiner Inszenierungen dazu einladen, mich bei der Entstehung der Stücke von der Konzeptionsidee an über die Proben bis zur Premiere (aktiv) zu begleiten. Darüber hinaus wird es nach und nach zu jeder bereits existierenden Inszenierung ausführliches Begleitmaterial wie z.B. Literaturtipps zur Vertiefung geben.
Die Theaterwelten, wie ich dieses Arbeitsjournal in Blogform nennen möchte, haben nicht den Anspruch „große“ Literatur zu sein. Vielmehr versammeln sich in den Theaterwelten meine Ideen und Gedanken in Form kurzer oder längerer Notate, Bilder und Videos, sowie kleinerer Reportagen und Interviews. Sie gewähren damit einen Einblick in meine Arbeit als Regisseur und vermitteln die jeweilige Herangehensweise bei der Entwicklung einer Inszenierung.

Ich lade Sie, Euch, dazu ein, mich in meine Theaterwelten zu begleiten.