Auf dem Dachboden. Der Beginn der Suche nach dem Lebensglück in „L’elisir d’amore“

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Ein Bild von Anselm Kiefer, welches scheinbar auf einem Dachboden aufgenommen wurde: Kriegsspielzeug, Spuren von Wunden und Krieg. Das Bild war Teil der Sonderschau „Global Prekär. Flucht, Trauma und Erinnerung in der zeitgenössischen Fotografie“ in der Pinakothek München. Inspirationsquelle für die Bühne von „L’elisir d’amore“.

Der erste Probentag.

Die Bühne befindet sich noch im Rohbau. Auf der ansonsten leere Bühne stelle ich den Schauspiel-Sängern drei Stühle zur Verfügung, als Angebot zum Sitzen oder als verwendbare Spielmöglichkeit. Die Stühle stehen auf der leicht schrägen Bühne im Zentrum, in der Mitte des Geschehens. Anhand des Bühnenmodells zu „L’elisir d’amore“ besprechen wir noch einmal kurz die Konzeption. Gemeinsam entwickeln wir die Ausgangssituation der Geschichte, das Vorspiel während der Ouvertüre. Vom Klavier aus begleitet Amangul Klychmuradova, unsere Korrepetitorin, die Improvisation. 

Es ist ein heißer Spätsommer, Erntezeit. Die Umgebung ist dörflich bis kleinstädtisch. Die Handlung spielt in den ersten Jahren nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, irgendwo in Deutschland, Westzone, etwa um 1946. Die Schwüle des Tages hat sich dumpf und bleiernd in die Nacht zurückgezogen. Ein Fremder tritt auf. Sich vorsichtig in den Raum tastend, suchend, hungrig, müde. Ein Umherziehender, ein Heimatloser. Eine Kippa auf dem Kopf. Sein ganzes Leben in einem abgewetzten, golden schimmernden, abgelebten Koffer. 

Die Sonntage waren gekennzeichnet // vom Glanz teurer Gewänder // Aber was nützten Sonntagsgewänder // wenn man durch sie // hindurchblicken konnte in die // vom Alltag geprägten Seelen.

Helmut Seethaler

Der Fremde beschließt, die Nacht an diesem Ort zu verbringen. Stille. Er schläft ein. Die Stille wird durchstoßen von den ersten Takten der Ouvertüre. 

Die ersten Takte der Ouvertüre. 

Mittagszeit. G. schiebt mit vereinten Kräften das große Tor auf, drängt in den dunklen Raum. Diffuses Licht von oben, durch eine Dachluke. Staubkörnchen tanzen auf den einfallenden Lichtbahnen. Befinden wir uns auf einem Dachboden? G., erhitzt, ausgetrocknet und nervös genießt sie für kurze Augenblicke die Kühle des Raumes. Sie wartet, unruhig und aufgekratzt. Ein Pfiff. Ein Soldat erscheint im Spalt des Tores. Sonnenbrille. Ein Flirren im Raum. G. gibt sich ihm hin, die Freiheit für einen kurzen Moment genießend. 

Eine Tür im Tor öffnet sich. A. tritt in den Raum. Müde, erschöpft von der Hitze des Tages. Die Last des Alltags auf ihren Schultern abstreifend eilt sie zu einem Stuhl, auf dem ein rotes Buch liegt. Sie nimmt es auf. Die Blicke der beiden Frauen treffen sich. Völlige Übereinkunft. Eine Sehnsucht im Gesicht von A., ein Lächeln. Sie verkriecht sich auf der anderen Seite des Raumes, das Buch aufschlagend. Sie flieht vor den Mühen des Alltags in die Welt der Literatur. Die Literatur wird für sie zum geschützten Ort vor der einnehmenden kleinstädtischen Enge. Ein Traumort. 

Ein Seufzen im Raum. Der Soldat erschrickt. Ein Zucken. Er stürzt aus dem Raum. Ein junger Mann eilt in den Raum, N., auf den Fersen von A. Er will, seine Gefühle nicht mehr im Griff, das Gespräch mit ihr suchen. Er denkt sich allein mit ihr. G. am Boden sitzend, versonnen. Es ist heiß, stickig. Der Geruch von frischen Blut drängt von draußen, aus dem Dorf, in den Raum. 

Plötzlich, wie ein Störfeuer aus einer anderen Welt, kaltes Licht, welches den Raum unangenehm bis in seinen letzten Winkel ausleuchtet. Ein junger, großgewachsener Mann im Raum. Ein Soldat? Taglöhner, Knecht. Bedrohlich geht er auf G. zu. Eine Ohrfeige. N. fängt sie auf. Verachtender Blick des Tagelöhners für den Flüchtling N. Grob zieht er G. hinter sich her, wirft sie auf einen Stuhl in der Mitte. 

Der Alltag im Dorf ist geprägt vom täglichen Kampf ums Überleben. Der Krieg hat dem Dorf die jungen Männer genommen. Den Alten, den Frauen, den Wartenden. Hunger, Trauma und Entbehrungen bestimmen den Rhythmus der Dörfler und Kleinstädter. Kaum ein Auskommen, mit dem Wenigen was man besitzt. Die Unzufriedenheit hat sich festgesetzt und frisst die alten, von Krieg gezeichneten und verstaubten Körper von innen auf. Die Gier nach einem bisschen Glück wird größer. 

G. will sich aufbäumen, sich zur Wehr setzen, dem Ersticken nahe. Eine Alte, mit einer Schüssel mit einem geschlachteten Huhn tritt auf und drückt G. diese grob in den Schoß. „Rupf! Arbeit endlich! Hör auf mit deinem Träumen! In dieser Welt ist kein Platz fürs Träumen!“ Der Gestank des Blutes schnürt G. fast die Kehle zu. Das Huhn, noch warm, in ihren Händen. So wie man dem Huhn das Leben ausgelöscht hat, wird der Freiheitsdrang von G. gestutzt, indem man ihr immer wieder die „Flügeln“ bricht. 

Welche Labung für den Schnitter, wenn die Sonne brennt und glüht, und er unter einer Buche , am Fuße eines Hügels sich ausruhen und verschnaufen kann! Die heiße Glut des Mittags lindern der Schatten und der rauschende Fluss, doch die feurige Glut der Liebe können weder Schatten noch Strom lindern. Glücklich der Schnitter, der sich davor hütet!

Eröffnungschor, „L’elisir d’amore“ von G. Donizetti, Übersetzung: Gerd Uekermann

Der Dachboden, Ort aus Kindheitstagen für Abenteuer, Träumerein und Spielereien, nun Ort des Rückzugs für die  jungen Erwachsenen im Dorf. A., G. und N. sind innerhalb des Dorfes Außenseiter, die sich das Träumen nicht verbieten lassen möchten. Sie machen sich auf, ihr kleines Lebensglück zu suchen, sich eine neue Lebensrealität zu schaffen. Das Dorf wird sie dabei immer wieder einholen, einengen, hindern. Der Dachboden, eine kleine Welt für sich, muss immer wieder aufs Neue gegen die alten, engstirnigen, in ihrer Moral und Tradition gefangenen Dörfler verteidigt werden. 

Aus den Notizen vom 12./13./16. Juni 2017 zur Inszenierung „L’elisir d’amore“ 

Weitere Informationen zu den Aufführungsterminen von „L’elisir d’amore“ und zur Besetzung findet Ihr unter TERMINE oder DIE PROBEBÜHNE

L’elisir d’amore – das Spiel von der heiteren Melancholie

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Erste Gedanken zur Inszenierung von „L’elisir d’amore“ für die Opernbühne Bad Aibling e. V. im Sommer 2017

Auf den ersten Blick eine einfach gestrickte Geschichte, mitten aus dem Leben. Liebende, die mit ihren Gefühlen hadern – wer kennt das nicht. Um nicht füreinander einstehen zu müssen, geben sie sich lieber Eifersüchteleien hin. Zum Glück gibt es das Elixier! Oh Wunder, dem zu erwartenden Happy End steht nichts mehr im Wege. 

Gaetanos Donizettis „L’elisir d’amore“, ein einfaches, heiter melancholisches Melodramma giocoso, gewürzt mit einer bittersüßen Schärfe, die einen nicht verleiten sollte, sie banal zu erzählen. Die ganze Oper ist eine Liebeserklärung, die an die hoffnungsvolle Magie und Kraft der Phantasie appelliert. Phantasie versetzt Berge. Der Glaube an den Liebestrank lässt die Figuren über sich hinaus wachsen. Voller Selbstvertrauen können die Protagonisten am Ende der Oper zu sich und ihren Gefühlen stehen. Das Elixier der Liebe verführt sie zum Leben und lässt sie am Ende zuversichtlicher in die Zukunft blicken. 

Unsere Geschichte vom L’elisir d’amore spielt in den ersten Jahren nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, zwischen 1946 und 1948, in einem Dorf oder einer kleinen Stadt, irgendwo in der Westzone unter amerikanischer Besatzung.

Hunger und Überleben bestimmen die ersten Nachkriegsjahre in Deutschland. Nur langsam geht es aufwärts. Man rappelt sich hoch aus den Trümmern, aus den Hinterlassenschaften von Diktatur und Krieg. Das Trauma Krieg hat sich in den Menschen und in der Welt, in der sie leben, eingenistet. Man arrangiert sich mit dem unsichtbaren, nagenden Bewohner, man verdrängt ihn. Eine gefühlsarme, kalte Welt. Für Träumer und Phantasten ist kaum Platz. Für die Liebe kaum Zeit. 

Nemorino, ein Niemand, geflohen aus den Ostgebieten. Gestrandet in einem Dorf im Nirgendwo, untergekommen in der Nähe seines Onkels. Ein Flüchtling. Nicht gern gesehen im Dorf. Ein Außenseiter. Das bisschen was man hat, braucht man selber. Da braucht man keinen Dahergelaufenen, einen Fremden. Nemorino hat ein Auge auf Adina, die Feine, Elegante, geworfen. Undenkbar, dass sie sich für ihn interessieren könnte! Voller Selbstzweifel geplagt, hängt er seine ganze Lebenshoffnung an das geheimnisvolle Elixier des Dulcamara, der Bittersüße, ein umherziehender Strizi, Kleinganove mit großem Herzen. Ein Geschichtensammler, Erzähler und Fallensteller, Theatergaukler und Überlebenskünstler. Ein wandelndes Chamäleon, der sich je nach Lage den Zeiten anpasst und sich mit den Gegebenheiten arrangiert. 

Adina, die sich für Literatur interessiert und damit innerhalb der einfachen Dorfgesellschaft auf wenig Verständnis stößt, hat durchaus Gefallen an dem jungen Flüchtling. Doch sie will sich ihre Gefühle nicht eingestehen. Ein Flüchtling! Was würde das Dorf dazu sagen? Einen Seelenverwandten hat sie dagegen scheinbar in Belcore, der mit dem schönen, aufrichtigen Herzen, gefunden. Der amerikanische Soldat, vom Dorf als Besatzer mehr geduldet als akzeptiert, schmeichelt ihr. Doch auch hier ist Adina sich ihren Gefühlen nicht sicher. Zu groß ist die Angst von beiden Männern verletzt zu werden. Sich selbst schützend, beginnt sie ein (gefährliches) Spiel mit der Liebe. 

Belcore wirkt selbst wie ein Gestrandeter, Heimatloser. Ein Versehrter, der nach dunklen Kriegserlebnissen eine große Sehnsucht, ja eine Gier, nach allem Schönen hat, verliebt sich in die Schönheit der Adina. Mit ihr hofft er, all das Schreckliche vergessen zu können. Dabei bemerkt er nicht, dass Giannetta, eine junge Frau aus dem Dorf, ebenfalls Gefühle für ihn entwickelt hat. 

Für Giannetta, die Freiheitsliebende, kam mit dem Ende des Krieges und den Besatzern die große Welt in das Dorf. Liebäugelnd mit dem einen oder anderen GI lernte sie schnell die Gesetze der Besatzung und nützt diese geschickt für ihre Vorteile. Ihr Ziel: raus aus dem Dorf, die weite Welt sehen. Ein amerikanischer Soldat hat ihr doch wohl mehr zu bieten, als so ein armer Tagelöhner aus dem Dorf! Die Schönheit und die Verführungen der Welt fest im Blick stürzt sie sich in das Gefühlschaos Belcore und in die Jagd nach dem geheimnisvollen Liebestrank des Dulcamara.

 

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Blick auf den Kreativtisch mit Klavierauszug und Text von „L’elisir d’amore“. Davor ein Bild von Anselm Kiefer. Inspiration für das Bühnenbild im Ersten Akt, sowie der Szene während der Ouvertüre.

Mit der Verortung in eine Zeit, die so geprägt war von Entbehrungen und Trostlosigkeit, möchte ich der Geschichte einen Raum geben, in der sie ihre ganze phantasievolle Kraft entwickeln kann. Vielleicht ermöglicht uns dieser zeitliche Raum auch mit einem wachen und neugierigen Blick die bekannten Figuren neu zu entdecken. Ja, mit ihnen gemeinsam in ihre Seelenlandschaften zu blicken. L’elisir d’amore ist für mich keine Opera buffa, für die sie oft gehalten und inszeniert wird. Wer diese Geschichte nur an seiner Oberfläche entlang erzählt, ohne in die Abgründe der Menschen zu blicken, wird den Rollen und der Musik von Donizetti nicht gerecht. Die Menschen in L’elisir d’amore haben einen so wunderbaren, feingeistigen Humor, der sie oft über die Unwegsamkeiten des Lebens rettet. Dieser Humor kommt um so deutlicher ans Licht, wenn man die „Nöte“ der handelnden Menschen ernst nimmt und sie eben nicht einer aufgesetzten „Heiterkeit“ der Lächerlichkeit preisgibt.

Weitere Informationen zu den Aufführungsterminen von „L’elisir d’amore“ und zur Besetzung findet Ihr unter TERMINE!

 

 

 

 

 

Vorhang auf!

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Heute an einem ganz beliebigen Tage beginne ich wieder – zum wievielten Male! – mein Tagebuch … (Stefan Zweig)

… man kann förmlich den Seufzer Stefan Zweigs hören, den er seinen Zeilen vom 10. September 1912 mit auf dem Weg gegeben hat. Er begann wieder mit dem Schreiben eines Tagebuchs. Doch, wie lange er wohl diesmal durchhalten wird? Zu oft hat er schon mit persönlichen Notaten begonnen, um sie dann kurze Zeit später wieder beiseite zu legen.
„Der Grund – ich spürte gerade im Wiederlesen eines Früheren, wie matt, wie gefährlich, wie krankhaft matt mein Gedächtnis geworden ist“, so Stefan Zweig zur Begründung seines wiederholten Versuchs. Er glaubte wohl auch diesmal nicht an die kontinuierliche Arbeit an einem Tagebuch.
Gerade in schwierigen Lebenssituationen oder in den bedrohlichen Kriegsjahren wird es ihm zunehmend schwerer fallen, täglich Rechenschaft über das Erlebte abzulegen. So wird er nach dem Untergang seines verehrten Kaiserreiches 1918 dreizehn Jahre lang kein Tagebuch mehr führen.

Heute an einem beliebigen Tage beginne auch ich wieder – zum wievielten Male! – eine Art öffentliches Arbeitstagebuch zu führen. Den tief sitzenden Stoßseufzer Stefan Zweigs in mir, überlege ich, wie lange ich wohl diesmal durchhalte. Die letzten Versuche sind bereits nach einer kurzen Welle der Euphorie in der Anfangsphase sang und klanglos eingeschlafen. Zum einen hat dem Ganzen mit Sicherheit vor allem eine Struktur gefehlt, die man für einen Blog auf alle Fälle haben sollte. Zum anderen kam 2015/16 ein großer beruflicher wie privater Einschnitt, den ich erst einmal verdauen musste.

An meinem Vorhaben von 2014, mit den Theaterwelten eine Übersicht über meine bisherigen Arbeiten zu geben und vor allem die Entstehungsprozesse der kommenden Inszenierungen und Projekte schreibend zu begleiten, hat sich nichts geändert. Dieser Blog soll ein lebendiges Arbeitsjournal werden, welches meine Arbeit als Geschichtenerzähler am Theater sichtbar, erlebbar und greifbar macht. Da der aktive Theaterbesuch meiner Meinung nach schon zu Hause beginnt, möchte ich den zukünftigen Zuschauer meiner Inszenierungen dazu einladen, mich bei der Entstehung der Stücke von der Konzeptionsidee an über die Proben bis zur Premiere (aktiv) zu begleiten. 

Theaterwelten-Besucher, die bereits 2014 meine Arbeit verfolgten und nun die älteren Texte vermissen, sei gesagt, dass diese nicht gelöscht wurden. Vielmehr werde ich diese nach und nach überarbeiten und in den nächsten Monaten neu veröffentlichen.

Vieles ist nach der Blog-Renovierung noch Baustelle und gerade erst im Entstehen, so wie die neuen Kategorien, die ich nach Orten im Theater benannt habe. Sie werden mit Sicherheit während den Proben zu „L’elisir d’amore“ mit Geschichten belebt werden. Also, ein Grund mehr, ab und zu mal in die Theaterwelten reinzuschauen. 

Die Theaterwelten, wie ich dieses Arbeitsjournal in Blogform nenne, haben nicht den Anspruch „große“ Literatur zu sein. Vielmehr versammeln sich in den Theaterwelten meine Ideen und Gedanken in Form kurzer oder längerer Notate, Bilder und Videos. Ich kann mir für die Zukunft auch kleinere Reportage oder Interviews vorstellen, die einen Einblick in meine Arbeit als Regisseur gewähren und die jeweilige Herangehensweise bei der Entwicklung einer Inszenierung vermitteln.

Ich lade Euch dazu ein, mich in meine Theaterwelten zu begleiten. 

Bevor ich aber den Vorhang wieder hochziehe, möchte ich an dieser Stelle ein großes und herzliches Dankeschön nach Köln, Wien und Berlin schicken. Wibke, Ute, Anke, Anne, Marc und Ray – schön, dass es Euch gibt! Und gut, dass Ihr nicht aufgehört habt, mich direkt oder indirekt bei der Fortführung der Theaterwelten zu bestärken. 

Und nun, Vorhang auf!