L’elisir d’amore – das Spiel von der heiteren Melancholie

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Erste Gedanken zur Inszenierung von „L’elisir d’amore“ für die Opernbühne Bad Aibling e. V. im Sommer 2017

Auf den ersten Blick eine einfach gestrickte Geschichte, mitten aus dem Leben. Liebende, die mit ihren Gefühlen hadern – wer kennt das nicht. Um nicht füreinander einstehen zu müssen, geben sie sich lieber Eifersüchteleien hin. Zum Glück gibt es das Elixier! Oh Wunder, dem zu erwartenden Happy End steht nichts mehr im Wege. 

Gaetanos Donizettis „L’elisir d’amore“, ein einfaches, heiter melancholisches Melodramma giocoso, gewürzt mit einer bittersüßen Schärfe, die einen nicht verleiten sollte, sie banal zu erzählen. Die ganze Oper ist eine Liebeserklärung, die an die hoffnungsvolle Magie und Kraft der Phantasie appelliert. Phantasie versetzt Berge. Der Glaube an den Liebestrank lässt die Figuren über sich hinaus wachsen. Voller Selbstvertrauen können die Protagonisten am Ende der Oper zu sich und ihren Gefühlen stehen. Das Elixier der Liebe verführt sie zum Leben und lässt sie am Ende zuversichtlicher in die Zukunft blicken. 

Unsere Geschichte vom L’elisir d’amore spielt in den ersten Jahren nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, zwischen 1946 und 1948, in einem Dorf oder einer kleinen Stadt, irgendwo in der Westzone unter amerikanischer Besatzung.

Hunger und Überleben bestimmen die ersten Nachkriegsjahre in Deutschland. Nur langsam geht es aufwärts. Man rappelt sich hoch aus den Trümmern, aus den Hinterlassenschaften von Diktatur und Krieg. Das Trauma Krieg hat sich in den Menschen und in der Welt, in der sie leben, eingenistet. Man arrangiert sich mit dem unsichtbaren, nagenden Bewohner, man verdrängt ihn. Eine gefühlsarme, kalte Welt. Für Träumer und Phantasten ist kaum Platz. Für die Liebe kaum Zeit. 

Nemorino, ein Niemand, geflohen aus den Ostgebieten. Gestrandet in einem Dorf im Nirgendwo, untergekommen in der Nähe seines Onkels. Ein Flüchtling. Nicht gern gesehen im Dorf. Ein Außenseiter. Das bisschen was man hat, braucht man selber. Da braucht man keinen Dahergelaufenen, einen Fremden. Nemorino hat ein Auge auf Adina, die Feine, Elegante, geworfen. Undenkbar, dass sie sich für ihn interessieren könnte! Voller Selbstzweifel geplagt, hängt er seine ganze Lebenshoffnung an das geheimnisvolle Elixier des Dulcamara, der Bittersüße, ein umherziehender Strizi, Kleinganove mit großem Herzen. Ein Geschichtensammler, Erzähler und Fallensteller, Theatergaukler und Überlebenskünstler. Ein wandelndes Chamäleon, der sich je nach Lage den Zeiten anpasst und sich mit den Gegebenheiten arrangiert. 

Adina, die sich für Literatur interessiert und damit innerhalb der einfachen Dorfgesellschaft auf wenig Verständnis stößt, hat durchaus Gefallen an dem jungen Flüchtling. Doch sie will sich ihre Gefühle nicht eingestehen. Ein Flüchtling! Was würde das Dorf dazu sagen? Einen Seelenverwandten hat sie dagegen scheinbar in Belcore, der mit dem schönen, aufrichtigen Herzen, gefunden. Der amerikanische Soldat, vom Dorf als Besatzer mehr geduldet als akzeptiert, schmeichelt ihr. Doch auch hier ist Adina sich ihren Gefühlen nicht sicher. Zu groß ist die Angst von beiden Männern verletzt zu werden. Sich selbst schützend, beginnt sie ein (gefährliches) Spiel mit der Liebe. 

Belcore wirkt selbst wie ein Gestrandeter, Heimatloser. Ein Versehrter, der nach dunklen Kriegserlebnissen eine große Sehnsucht, ja eine Gier, nach allem Schönen hat, verliebt sich in die Schönheit der Adina. Mit ihr hofft er, all das Schreckliche vergessen zu können. Dabei bemerkt er nicht, dass Giannetta, eine junge Frau aus dem Dorf, ebenfalls Gefühle für ihn entwickelt hat. 

Für Giannetta, die Freiheitsliebende, kam mit dem Ende des Krieges und den Besatzern die große Welt in das Dorf. Liebäugelnd mit dem einen oder anderen GI lernte sie schnell die Gesetze der Besatzung und nützt diese geschickt für ihre Vorteile. Ihr Ziel: raus aus dem Dorf, die weite Welt sehen. Ein amerikanischer Soldat hat ihr doch wohl mehr zu bieten, als so ein armer Tagelöhner aus dem Dorf! Die Schönheit und die Verführungen der Welt fest im Blick stürzt sie sich in das Gefühlschaos Belcore und in die Jagd nach dem geheimnisvollen Liebestrank des Dulcamara.

 

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Blick auf den Kreativtisch mit Klavierauszug und Text von „L’elisir d’amore“. Davor ein Bild von Anselm Kiefer. Inspiration für das Bühnenbild im Ersten Akt, sowie der Szene während der Ouvertüre.

Mit der Verortung in eine Zeit, die so geprägt war von Entbehrungen und Trostlosigkeit, möchte ich der Geschichte einen Raum geben, in der sie ihre ganze phantasievolle Kraft entwickeln kann. Vielleicht ermöglicht uns dieser zeitliche Raum auch mit einem wachen und neugierigen Blick die bekannten Figuren neu zu entdecken. Ja, mit ihnen gemeinsam in ihre Seelenlandschaften zu blicken. L’elisir d’amore ist für mich keine Opera buffa, für die sie oft gehalten und inszeniert wird. Wer diese Geschichte nur an seiner Oberfläche entlang erzählt, ohne in die Abgründe der Menschen zu blicken, wird den Rollen und der Musik von Donizetti nicht gerecht. Die Menschen in L’elisir d’amore haben einen so wunderbaren, feingeistigen Humor, der sie oft über die Unwegsamkeiten des Lebens rettet. Dieser Humor kommt um so deutlicher ans Licht, wenn man die „Nöte“ der handelnden Menschen ernst nimmt und sie eben nicht einer aufgesetzten „Heiterkeit“ der Lächerlichkeit preisgibt.

Weitere Informationen zu den Aufführungsterminen von „L’elisir d’amore“ und zur Besetzung findet Ihr unter TERMINE!

 

 

 

 

 

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