Das Dorf im Mittelpunkt: Aus einer Schuhschachtel über Albert Renger-Patzsch zu Anselm Kiefers Dachboden.

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Mein Skizzenbuch mit den ersten Bühnen- und Szenenskizzen zu „L’elisir d’amore“, März 2017.

Die Entstehung des Bühnenraumes zu „L’elisir d’amore“ 

Wie und wo die Geschichte von L’elisir d’amore erzählen? Die Festlegung der Handlung auf Ort und Zeit ist in diesem Fall unweigerlich mit dem Chor der Opernbühne Bad Aibling e.V. verbunden, der ohne Zweifel der Mittelpunkt der jahrzehntelangen Vereinsarbeit ist. Ohne diese  ehrenamtlich geleistete Arbeit gäbe es keine Oper auf Schloss Maxlrain. Neben der gesanglichen Mitwirkung bei den Opernaufführungen engagieren sich zahlreiche Chormitglieder hintern den Kulissen und zeichnen sich unter anderem für den Bühnenaufbau und Vereinsorganisation verantwortlich. 

Wie viele andere Amateurchöre kämpft auch der Opernchor Bad Aibling um junge Nachwuchskräfte. Es wird immer schwieriger, (junge) Menschen für das gemeinsame Singen oder Vereinsleben zu begeistern. So musste man schon Mühen aufbringen, um auch in diesem Jahr wieder einen klangvollen Chor auf die Beine stellen zu können. 

Die Situation des Chores ähnelt ein wenig die eines abgelegenen Dorfes, aus welchem sich die Jungen bei Zeiten abseilten und die Alten ihrem Schicksal überließen. Diese Assoziation kam mir in den Sinn, als ich mir ab Ende Januar erstmals Gedanken über das Konzept für eine L’elisir d’amore-Inszenierung machte und wir überlegten, wo die Geschichte von Adina und Nemorino spielen könnte. Für mich war wichtig, dass sich das Ensemble mit dem geschaffenen Handlungsort identifizieren kann. Der Raum sollte den Solisten und dem Chor die Freiheit geben, ihre eigene Phantasie in das Spiel mit einzubringen. Außerdem sollte der Raum es uns ermöglichen, die Personen der Oper L’elisir d’amore ganz in den Fokus der Inszenierung zu stellen. Die Geschichte konzentriert an den Menschen entlang erzählen, ihre Nöte und Seelentiefe ernst nehmend. Die Verortung sollte nicht vom eigentlichen Spiel der Figuren ablenken oder sie gar verdrängen. 

So war sehr schnell klar, dass ich das „Dorf“ als Handlungsort für meine Inszenierung beibehalten möchte. Die dörfliche oder kleinstädtische Umgebung von Schloss Maxlrain, dem Aufführungsort der alljährlichen Sommeroper, diente mir als Ausgangspunkt für meine folgenden Überlegungen und Assoziationen:  

Vor den Toren des Schlosses Maxlrain befindet sich das Dorf Mietraching. Unweit davon wurde zur Vorbereitung auf den Zweiten Weltkrieg durch die Nationalsozialisten der „Fliegerhorst Bad Aibling“ errichtet, der nach dem Kriegsende von US-amerikanischen Truppen besetzt wurde. Die US-Militärregierung richtete zunächst dort ein Kriegsgefangenenlager ein, in dem zeitweise auch Günter Grass oder Joseph Ratzinger interniert waren. Diese geschichtliche Begebenheit brachte mich auf die Idee, unseren „Liebestrank“ in der Nachkriegszeit nach 1945 spielen zu lassen. 

Zudem spiegelt die Besetzung unseres Chores ein wenig die damalige Situation in den Städten und Dörfern Deutschlands wieder: 

Viele Frauen, eine Handvoll Männer, zumeist Alte und Gebrechliche, Kriegsverwundete und Heimkehrer, prägten das Bild des sozialen Lebens. Viele der Soldaten, wenn sie nicht an den Fronten gefallen waren, verbrachten die ersten Monate und Jahre nach dem Kriegsende in Kriegsgefangenschaft und kehrten, wenn sie auch diese Tortur überstanden, als Fremde in ihre Heimat zurück. Dort, in der Heimat, waren es die Frauen, die seit Kriegsbeginn auf sich allein gestellt waren und den Alltag für ihre Familien bewerkstelligen mussten. Ein täglicher Überlebenskampf an der Heimatfront. 

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Kleines Bühnenbildmodell: Aus einem Schuhkarton entstand nach und nach der Raum für „L’elisir d’amore“.

Ausgehend von diesen ersten Gedanken und Überlegungen entwarf ich ab Anfang Februar 2017 erste Bühnen- und Szenenskizzen, die ich mit Pastellkreiden fertige. Ich wollte einen dörflichen Raum gestalten, der eine gewisse Intimität zulässt, aber auch für die Öffentlichkeit des Dorfes steht, sowie für die dörfliche Enge und für das Gefühl von Überwachung und Eingeschlossenheit. So entstand zunächst eine Art Scheune oder Tenne, als Mittelpunkt des sozialen dörflichen Lebens. 

Parallel zu den ersten Konzeptionsgesprächen versuchte ich die vorhandenen Skizzen in einem einfachen Bühnenbildmodell umzusetzen, um so ein Gefühl für den Raum zu bekommen. So entstand aus einer herumliegenden Schuhschachtel die Bühne für meine Inszenierung von L’elisir d’amore. Meine liebgewonnene Schuhschachtel sollte mich bis zum Ende der Proben Mitte Juli begleiten. Neben dem Raum schuf ich noch Figurinen, ja ein ganzer Chor, ausgeschnitten aus alten Fotografien, bevölkerte am Ende diese kleine, enge Welt.

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Der Opernchor in Miniatur. Figurinen für das Bühnenbildmodell von „L’elisir d’amore“, Mai 2017 

Eine Idee, die aus der Beschäftigung mit dem fotografischen Werk Albert Renger-Patzsch entstand, konnte ich aufgrund der örtlichen Begebenheit in der Reithalle von Schloss Maxlrain leider nicht umsetzen: 

Im Winter/Frühjahr 2017 zeigte die Pinakothek der Moderne in München in einer Sonderschau  die „Ruhrgebietslandschaften“ des Fotokünstlers Albert Renger-Patzsch, der in seinen Fotografien die Entwicklung unserer Lebensräume  und die Grenzen zwischen Großstadt und Land thematisierte. Mich haben diese scheinbar einfachen schwarz-weiß Bilder sehr fasziniert. Begeistert und äußerst interessiert verfolgte ich auch auch die von den Pinakotheken initiierte und ausstellungsbegleitende Sozial-Media-Aktion #stadtlandbild. 

Die Motive von Albert Renger-Patzsch, die er größtenteils in den Peripherien der Großstädte im Ruhrgebiet fand, zeigen oft eine gewisse Leere, einen Stillstand oder auch die Einsamkeit in den Randzonen der Gesellschaft. Diese Outback-Landschaften inspirierten mich sehr, während ich an der Konzeption für L’elisir d’amore überlegte:

Auch hier begegnen wir einer Gesellschaft am Rande des dörflichen Lebens. Außenseiter, die durch ihr Handeln und Fühlen nicht der Norm des Alltäglichen entsprechen. (Ich werde in einem der nächsten Blogposts zu L’elisir d’amore ausführlicher darauf eingehen.) Die Enge des Dorfes ist ganz entscheidend für die Interpretation der einzelnen Figuren gewesen: Adina, auf sich allein gestellt, zieht sich immer wieder in die Welt der Literatur zurück, um wenigstens für einen kurzen Augenblick dem engstirnigen Denken der Dörfler zu entfliehen. Giannetta, die Freiheitsliebende, will nicht nur von einem anderen, besseren Leben träumen, sondern setzt alles daran, diesen Traum Realität werden zu lassen. Nemorino, als Niemand wenig geschätzt von den Dörflern, findet in seiner Phantasie die Kraft zu neuem Selbstvertrauen.

Auch wenn am Ende das Bild vom Stadtrand aus Essen nicht in das Bühnenbild integriert werden konnte, so hatten die Bilderwelten von Albert Renger-Patzsch entscheidenen Einfluss auf meine L’elisir d’amore-Inszenierung. 

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Am Stadtrand von Essen, 1928. Eine der Inspirationsquellen während der Entstehung des Bühnenbilds: Die Fotografien von Albert Renger-Patzsch. 

Im Laufe der Probenzeit wurde der Raum immer mehr zu einem Rückzugsort der handelnden Protagonisten. Die Scheune verwandelte sich von Tag zu Tag mehr in einen Dachboden, der mich stark an eine Fotografie von Anselm Kiefer erinnerte. Ein Ort der Erinnerungen, der vergessenen Kindheit. Hier, früher Schauplatz von aufregenden Abenteuern und ersten Liebesschwüren, können die jungen Erwachsenen noch einmal „Kind“ sein, sich vor den Alten verstecken und der Realität für einen kurzen Moment entfliehen. Der Dachboden wird zum Schauplatz intimster Geständnisse. 

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Auf dem Dachboden. Eine Fotografie von Anselm Kiefer, ausgestellt in der Pinakothek der Moderne. 

 

 

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