Ein Raum für die Seelenlandschaften in Donizettis „L’elisir d’amore“

Der finale Raum für „L’elisir d’amore“ 

 

Unser L’elisir d’amore-Raum, der zu Beginn der Konzeption als zentraler Mittelpunkt des dörflichen Lebens gedacht war, entwickelte sich im Lauf der szenischen Probearbeit immer mehr zu einem Rückzugsort von Adina, Giannetta und Nemorino. Er wurde durch Improvisationen und dem erarbeiteten Spiel zu ihrem Raum. Eine Art Gemeinschaftsraum, der für alle Drei zu jederzeit nutzbar ist. Hierher zieht sich Adina zurück, wenn sie für eine kurz Zeit, fern des dörflichen Trubels, in ihre Bücher versinkend, die Welt um sich herum vergessen möchte. Giannetta nützt ihn als Versteck für gewisse Treffen mit den GIs und für Nemorino bietet der Raum Schutz vor den Übergriffen der Dorfbevölkerung. 

Ich wollte keinen in seiner Funktion als Rumpel- und Abstellkammer realistischen Dachboden schaffen, sondern vielmehr einen Bühnenraum, der es uns ermöglichte, die Geschichte des Liebestranks nah an den Menschen entlang zu erzählen. Der Raum sollte, von allen möglichen romantisierenden Dorf-Klischees befreit, Platz bieten sowohl für die Phantasie des Ensembles, als auch für die des Publikums. 

Nur mit wenigen Versatzstücken und Requisiten ist ein Dachboden angedeutet. Vor allem das Spiel der Protagonisten sollte den leeren Raum mit Leben füllen, ihn zum Leben erwecken. Nur das Nötigste ist dafür auf der Bühne vorhanden. Nichts soll vom Spiel der Sänger-Schauspieler ablenken oder es gar behindern. 

Ein Dachboden oder eine Tenne. Schauplatz meiner Inszenierung von „L’elisir d’amore“, Oper in zwei Akten von Gaetano Donizetti für die Opernbühne Bad Aibling e.V., Juli 2017 

 

Vorne an der Bühnenrampe befindet sich eine durch Anselm Kiefer inspirierte Bühneninstallation, die Anstoss gibt, die eigenen Gedanken rund um die Geschichte des Liebestranks zu vertiefen: vergessenes, verlorenes Kriegsspielzeug und Kriegsutensilien wie eine Gasmaske oder Patronenhülsen, aufgereiht auf einen dunklen Erdhaufen. Sinnbild für die durch den Krieg geraubte Kindheit und Jugend. (Das Spiel ist auch ein kleines Frühlings Erwachen der jungen Erwachsenen.) Das bisherige Leben der Figuren war geprägt durch Entbehrungen und Schrecken des Krieges. Unsicherheiten, verdrängte Traumata bestimmen die Leben der Nachkriegszeit. Das Leben als einziger, täglicher Überlebenskampf. Die Menschen müssen sich erst wieder in sich und in den anderen finden, verloren geglaubtes Leben neu entdecken.

Liegengebliebenes, vergessenes Kriegsspielzeug auf dem Dachboden. Detailstudie aus dem finalen Bühnenbild für die Oper „L’elisir d’amore“ von Gaetano Donizetti. 

„In der Liebe und im Krieg bevorzuge ich den direkten Angriff.“ 

Belcore in „L’elisir d’amore“

 

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