„Ach, wie dürste ich nach einem lieben Worte“

Ludwig Thomas berühmte Weihnachtslegende „Heilige Nacht“ – der Ruf eines Verzweifelten aus der trügerischen Idylle. 

 

Im Dezember 1915, Ludwig Thoma war aufgrund einer Ruhr-Erkrankung von der Ostfront des Ersten Weltkriegs desillusioniert in sein Haus auf der Tuften am Tegernsee zurückgelehrt, entstanden wohl auf einer Winterwanderung in den Bergen die ersten Textideen zur Heiligen Nacht, die sich bis heute alljährlich in der Advents- und Weihnachtszeit großer Beliebtheit erfreut. Mit ungewohnt leisen, feinfühligen Tönen und einem ganz eigenen bairischen Dialekt erzählt Ludwig Thoma die wunderbare Weihnachtslegende nach, die bis heute nichts an Aktualität eingebüßt hat. Seit ihrer Erstveröffentlichung 1917 wird diese stimmungsvolle Weihnachtsgeschichte von bayerischen Schauspielerinnen und Schauspielern vorgetragen und immer wieder aufs Neue entdeckt.

Im vergangenen Advent war es nun soweit: die langjährige Tradition fortsetzend, las nun auch ich bei vier Lesungen die Heilige Nacht, begleitet von einem wunderbar stimmigen Vokalensemble, welches die von Max Eham vertonten Gesänge zur Heiligen Nacht zur Aufführung brachte.

Doch wie nähert man sich diesem speziellen Werk, diesem Idyll, „welches auf einem schmalen Grat zwischen Kunst und Kitsch balanciert“, wie es der Thoma-Biograf Martin A. Klaus so trefflich beschreibt? Anfangs hatte ich meine Bedenken, denn wie kann man dieses „Idyll“ trennen von der Persönlichkeit Ludwig Thomas, welche spätestens seit den späten 1980er Jahren einen so verstört und ratlos zurücklässt? Ludwig Thoma war und ist nicht nur der populäre Schriftsteller so beliebter Werke wie den Lausbubengeschichten, der Tante Frieda, den Filser Briefen oder den sozialkritischen Romanen Andreas Vöst und Der Ruepp, sondern auch der Verfasser von abstoßenden, antisemitischen und rechtsradikalen Hetzschriften, die er in seinen letzten Lebensjahren anonym im „Miesbacher Anzeiger“ veröffentlichte. Dies habe ich weder verdrängt noch vergessen, als ich begonnen habe, mich mit dem Text der Heiligen Nacht auseinanderzusetzen:

 

Ludwig_thoma_karl_klimsch1909

Porträt von Ludwig Thoma von Karl Klimsch, vermutlich 1909

 

Mit der Heiligen Nacht flüchtete sich Ludwig Thoma im letzten Abschnitt seines schriftstellerischen Schaffens und Lebens in ein erträumtes und heraufbeschworenes Kindheitsidyll, welches so in der Vorderriß, wo er bis zum frühen Tod des Vaters aufwuchs, nie existierte. Sein Verhältnis zur frömmelnden Mutter blieb zeitlebens äußerst angespannt und unterkühlt: Ihrem drängenden Wunsch, er möge doch Theologie studieren, um sich später zum Priester weihen zu lassen, verweigerte sich Ludwig Thoma bis zuletzt. Selbst noch in seiner Heiligen Nacht wird er im Vergleich zur „tapferen“ Maria seiner als „wehleidig“ empfunden Mutter schonungslos den Spiegel vorhalten:

Sehgt’s, Leuteln, so tapfer is s’ g’wen, / Koan Aug’nblick hat sie net greint, / Da kunnt’n de Weiba – was denn? – / A Beispiel dro hamm, wia’s ma scheint.
Ludwig Thoma, aus „Heilige Nacht“, 2. Hauptstück

Ludwig Thoma, ein Schulversager, der nahezu jedes Jahr aufgrund von Fehlverhalten und Unvermögen die Schule wechseln musste, hatte eine schwierige Kindheit. Er war zeitlebens ein rastlos Suchender. Ein Suchender nach Aufmerksamkeit, Zuneigung und Liebe. Sollte es ihm verwehrt werden, zeigte sich radikal die andere, dunkle Seite seines Charakters: dann wurde er grob, ungerecht und neigte zur Intrige. Ein anhaltendes, privates Glück blieb Ludwig Thoma verwehrt. Die Ehe mit seiner großen Liebe, der leidenschaftlichen Marietta de Rigardo, hielt nur kurz. Marietta, genannt Marion, das freiheitsliebende „liebste Kätzlich“, war für eine gemeinsame Zukunft im abgeschiedenen Haus über dem Tegernsee nicht gemacht. Sein sehnlichster Wunsch nach einem Zusammenleben mit seiner letzten Geliebten Maidi von Liebermann entwickelte sich zur Sackgasse. Sie konnte und wollte sich nicht für ihn scheiden lassen. Ludwig Thoma war im Grunde ein sehr einsamer, „alleiniger“ Mensch. Auf den zahlreich erhaltenden Fotografien der Zeit sehen wir einen Mann mit verbissenen, mit einem ins Leere gehenden Blick.

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Mit der Heiligen Nacht gelang Ludwig Thoma dennoch eine beeindruckende und berührende kleine Milieustudie, die bis heute zum Nachdenken und Innehalten einlädt. Zusammen mit dem später entstandenen Ruepp zählt für mich die Heilige Nacht zu den beeindruckendsten und authentischsten Werken Ludwig Thomas. In der Heiligen Nacht baute Ludwig Thoma ein Leben, ein Idyll auf, das er selbst nicht vermochte zu verwirklichen. In meiner Interpretation habe ich versucht, jegliche Sentimentalität zu vermeiden und für die handelnden Figuren einen direkten und existenziellen Ton zu finden. Die Hoffnungslosigkeit des Ludwig Thoma, die wir auch beim Bauern Ruepp wiederfinden können, ist in der Heiligen Nacht allgegenwärtig.

Verpfuschtes Leben, verlorenes Leben. So viele Jahre einsam, von Reue zerfressen. Ach, wie dürste ich nach einem lieben Worte.
Ludwig Thoma an seine Geliebte, Maidi von Liebermann

Die Hoffnungslosigkeit wird sich drei Jahre später nach der Erstveröffentlichung der Heiligen Nacht in blanken Hass wandeln: ab dem 15. Juli 1920 bis zum 18. August 1921 erscheinen im „Miesbacher Anzeiger“ insgesamt 167 anonyme Artikel von Ludwig Thoma. Seine „Sehnsucht nach Autorität und nationaler Größe“, getrieben von blinder Wut auf das eigene, verpfuschte Leben, bringen die widerlichsten antisemitischen Hasstriaden zu Tage. Er schreibt in geifernden und abscheulichen Worten gegen den Gedanken von Demokratie und Freiheit an, beleidigt Politiker und Intellektuelle, Künstler und Schriftstellerkollegen, wie unter anderem die avantgardistische Lyrikerin Else Lasker-Schüler. 

Vergiftet und zerfressen von seinen Feindseligkeiten auf die Welt stirbt Ludwig Thoma in den späten Abendstunden des 26. August 1921 in seinem Haus auf der Tuften an Magenkrebs. 

Er hat in seinem erzählerischen Werk das wirkliche Bayern der Welt erschlossen!
Oskar Maria Graf über Ludwig Thoma

Was bleibt ist die wunderbare bairische Sprache, mit der Ludwig Thoma als Dialektschriftsteller umzugehen wusste und es vor allem in seinen Romanen geschafft hat, den bairischen Dialekt in seiner Echtheit zu bewahren. Dadurch, dass er den Leuten „aufs Maul schaute“, schaffte er es, seinen Figuren eine starke Authentizität zu geben. Seine Romane wie Andreas Vöst und Der Ruepp sind bis heute in ihrem Kern aktuell und empfehlen sich zur wiederholten Lektüre. Ludwig Thoma hatte ein gutes Gespür für die Welt um 1900, die er schon am Untergehen sah. Die Dörfer, die er so gekonnt und im Detail genau beschrieb, egal ob die Geschichte im Dachauer Hinterland oder rund um das Mangfallgebirge spielte, diese Dörfer in ihrer Urbanität gibt es schon längst nicht mehr. 

Mein Verhältnis zu Ludwig Thoma bleibt ambivalent. 

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