Mozarts „La clemenza di Tito“ oder Theater als Versuch zur Rettung von Humanität

Zum Auftakt erste Gedanken über Mozarts „Titus“, die Utopische 

 

Stellen wir uns für einen kurzen Augenblick folgende Utopie vor: 

Wie wäre es, wenn das Spiel dort oben auf der Bühne, die Arien und Ensembles darin zählen zu den schönsten und gefühlvollsten was Mozart dem Musiktheater und der Welt  hinterlassen hat, wenn dieses Spiel nun alle, die, von der Gier nach der Macht getriebenen und von der selbigen berauschten, Politiker dieser Welt, zur Umkehr bewegen würde, zur Einsicht? Der Friedensnobelpreis wäre Mozart auf jeden Fall sicher. Mozart, der aufgeklärte Friedensstifter, der Friedensvermittler, der Versöhner. Was für eine Utopie! Was für ein Geschenk hat er, der weit seiner Zeit Vorauseilende, der Moderne, uns mit seiner Clemenza, seinem Titus, als Vermächtnis, kurz vor seinem Tod, hinterlassen.

Mozarts Titus, der Milde und ewig friedensstiftende Herrscher  und Versöhnende, für manche zu viel des Guten und  eine verstörende, moderne und revolutionäre Utopie, bis heute. Nach der Uraufführung am 6. September 1791, welche anlässlich der Krönung des Habsburgers Leopold II. zum König von Böhmen in Prag stattfand, schimpfte die Gemahlin des Frischgekrönten, Kaiserin Luisa-Maria, angeblich über das feudale Auftragswerk und tat es ab, als „deutsche Schweinerei“. 
Im Feuerschein der Französischen Revolution hat Mozart den Herrschenden der Zeit einen Spiegel vorgehalten: nicht nach dem Gesetz der Rache und Vergeltung sollt ihr regieren, sondern nach dem Gesetz der Versöhnung und Vergebung. Den von „Gottes Gnaden“ eingesetzten, absolutistischen Herrschern konnte das nicht gefallen. Mozart hat mit seiner Clemenza den gekrönten Häuptern wahrlich nicht die Perücken gepudert, sondern viel mehr die Tür aufgestossen, in eine neue Zeit. Der liberale und die Grenzen überwindende Gedanke des Titus hat bis heute nichts an utopischer Kraft eingebüßt. 

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Vergänglichkeit. Michael Stacheder, Lorbeer mit Acryl auf Karton, April 2018. Studie zu „La clemenza di Tito“

Dies ist die Zeit der Könige nicht mehr.
Friedrich Hölderlin, aus „Der Tod des Empedokles“

Das Moderne, das bis heute nachwirkt: zusammen mit seinem Librettisten Caterino Mazzolà arbeitete  Mozart das ursprüngliche, von Pietro Metastassio 1734 geschriebene und oftmals vertonte Libretto um und zeigte, mit dem Aufbau der Opera seria brechend, einen Herrscher, der Teil seines Volkes wird und Clementia walten lässt. Mozart lässt  in seiner letzten Oper keinen rezitierenden und in Goldstaub verharrenden Kaiser auftreten, sondern einen handelnden Menschen. Wie verstörend muss das auf manche der Zeitgenossen gewirkt haben! Wie „welt- und realitätsfremd“ wirkt es vielleicht auch auf uns, wenn wir der Geschichte von der mörderischen Intrige um den römischen Kaiser Titus beiwohnen, der den Attentätern am Ende verzeiht? Kann ein (absolutistischer) Herrscher überhaupt Mensch sein? Ist es einem heutigen Politiker vergönnt, menschlich zu handeln? Was bedeutet „Mensch sein“ für unsere heutige, aufgeklärte Zivilisation, für uns? 

Wir können Mozarts La clemenza di Tito leichtfertig als museal, rückwärtsgewandtes  Opera seria-Überbleibsel abtun, sie als „Speichelleckerei“ oder „Fürstenpropaganda“ schimpfen, verkennen damit aber die wahre Botschaft, die hinter dieser unglaublich schönen Musik verborgen liegt: Mozart erzählt in seiner Clemenza von einem, der Mensch sein wollte, im Gefüge der Macht. 

Die historische Vorlage für das Libretto von La clemenza di Tito gab eine kleine Episode im Leben des römischen Kaisers Titus Vespasian, welcher im Auftrag seines  Vaters 70 n. Chr. nach Palästina in den Kampf zog, Jerusalem eroberte und den Tempel zerstörend, die Juden vertrieb. Die Historie geht davon aus, dass eine Million Menschen in diesem Krieg ihr Leben lassen mussten. Nach der gewonnen Schlacht zog Titus Vespasian mit Triumph in Rom ein, ließ sich nach dem Tod des Vaters zum Kaiser krönen  und lebte fortan als „ausgesprochener Liebling des Menschengeschlechts“, so der römische Schriftsteller Sueton in seinen Aufzeichnungen über die Zeit der Flavier. „Er erklärte öffentlich, er habe deshalb das Amt des Pontifex maximus angenommen, damit er reine Hände behalte. Er hielt sein Wort. Und er hat seitdem niemand ermorden lassen noch war er Mitwisser einer solchen Tat, obwohl er manchmal Grund genug gehabt hätte, sich zu rächen; er aber schwor, dass er lieber zugrunde gehen, als zugrunde richten wolle. Zwei Patrizier, die überführt worden waren, nach der Herrschaft zu trachten, ermahnte er lediglich, davon Abstand zu nehmen, indem er sie belehrte, dass das Schicksal die Herrschaft vergebe.“ *

La clemenza di Tito ist das Spiel  von einem,
der Mensch sein wollte, im Gefüge der Macht.
Aus den Notizen, Arbeitsjournal, Mai 2018

Unsere Welt von 2018 braucht Utopien, mehr denn je. Die Utopien, von einem friedlichen miteinander und einem respektvollen Umgang der unterschiedlichen Kulturen, werden mehr denn je von einem aufkommenden Nationalismus, von Hass und Rassismus bekämpft. Ein vereintes Europa, eine friedliche Welt, geprägt von Respekt und Akzeptanz, scheinen einmal mehr in eine weite Ferne gerückt zu sein, wenn man in diesen Tagen die weltpolitische und gesellschaftliche Lage in den Nachrichten verfolgt. Aber genau aus diesem Grund, dürfen wir es uns nicht erlauben, „utopienlos“ zu sein.  Wir dürfen es nicht zulassen, dass man unsere gelebten Utopien zerstört oder in Abrede stellt. Ohne Utopien sind wir als Gesellschaft verloren. Eine Utopie ist das Schützenswerteste, was ein Mensch besitzen kann. In jeder Utopie steckt der kleine Samen für eine Idee, für eine Vision, für ein gesellschaftliches Lebensbild. Eine Utopie kann Motor für das Entdecken neuer, gemeinsamer Wege sein. 

Vielleicht ist das auch ein Grund, warum in den letzten Jahren Mozarts Clemenza verstärkt auf die Spielpläne der nationalen und internationalen Opernbühnen zurückkehrt? „Theater als Versuch zur Rettung von Humanität.“ ** Ein schöner Gedanke, den ich meiner Konzeption und der Probenarbeit vorangestellt habe.
Eine Aufführung von Mozarts Clemenza wird die Welt nicht verändern, doch vielleicht kann sie eine kleine Bewegung in jedem einzelnen erzeugen, egal ob er nun als Protagonist oder als Zuschauer die Vorstellung miterlebt. Es lebe die Utopie! Eine Utopie aus einer Welt von Gestern, aufgeklärt und modern, für das Hier und Jetzt bestimmt. Die Utopie von der Freiheit des Einzelnen, des Individuums innerhalb einer Gesellschaft. Mozart hat der Welt mit seiner „Utopischen“ eine großartige Ode auf die Humanität hinterlassen.

Sie ist wichtiger denn je. 

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Das wohl berühmteste Porträt Wolfgang Amadé Mozarts schuf postum 1819 Barbara Krafft, eine der vielbeschäftigsten Porträtmalerinnen ihrer Zeit.

Den Himmel zu erringen ist etwas Herrliches und Erhabenes, aber auch auf der lieben Erde ist es unvergleichlich schön. Darum lasst uns Menschen sein.
Wolfgang Amadeus Mozart

 

* Sueton, „Vespasian, Titus, Domitian“, Lateinisch/Deutsch, übersetzt und herausgegeben von Hans Martinet, erschienen bei Reclam, 1991.

** Unter Verwendung einer Überschrift von einem Aufsatz von Zbigniew Taranienkos über das Theater von Józef Szajna, der bis heute zu den herausragenden Repräsentanten der zeitgenössischen Kunst Polens gehört. Szajna hat nach seinem Überleben der Konzentrationslager von Auschwitz und Buchenwald als Regisseur und Bühnenbildner gearbeitet. Er starb am 24. Juni 2008 in Warschau. 

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