Treffpunkt für Getriebene

Der Bühnenraum für La clemenza di Tito, Oper Schloss Maxlrain 2018

 

 

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Die finalen Wände für das Bühnenbildmodell von La clemenza di Tito für die Oper Schloss Maxlrain im Mai 2018

 

Der sich nach hinten verengende, im schwarzen Nichts verlierende Bühnenkasten hat sich im Laufe der Konzeption zu einem öffentlichen Raum entwickelt: eine Art Vorzimmer oder Flur in einem öffentlichen Gebäude, von dessen jeweiligen Längsseiten Türen in die angrenzenden Zimmer und Gemächer führen.  Ein in die Jahre gekommener Durchgangsraum, mit hellen, schlichten Holztüren, an denen die Farbe abblättert. Die „gute alte“ Zeit der hellgrauen Tapete mit kupferfarbenen Ornamenten, die einen an die Zeit Maria Theresias erinnern könnte, ist längst vorbei: abgeranzt, mit Stockflecken an den Ecken und unter den alten Heizkörpern, hängt sie an manchen Stellen bereits eingerissen und lose von der Wand. Diese weist deutlichen Befall von Schimmel auf. An der Decke schmucklose Leuchtröhren. 

Die Menschen begegnen sich, ihre Wege kreuzen sich für einen Moment, sie verlassen sich und den Raum wieder. Der Raum hat nichts gemütliches oder gar einladendes. Er erinnert eher an eine Behörde, als an einen privaten, intimen Ort. Ein muffiger Durchgangsraum, dem schon längst niemand mehr Beachtung entgegenbringt. Ein Ort für Intrigen. Die Zeit hat dem Raum und den Menschen ihre Spuren aufgedrückt. Eine trostlose, kühle Leere. Die Menschen irren als Getriebene umher, verfolgt von ihren Erinnerungen, Schmähungen und auf der Suche nach neuen Utopien, nach einem neuen Leben.

Aus den Notizen im Arbeitsjournal, vor Probenbeginn, Mai 2018

 

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Finales Bühnenbildmodell zu La clemenza di Tito für die Oper Schloss Maxlrain, Mai 2018

 

„Ich freue mich wie ein Kind wieder zu Dir zurück. – wenn die Leute in mein Herz sehen könnten, so müßte ich mich fast schämen. – es ist alles kalt für mich, eiskalt.“
Wolfgang Amadeus Mozart,
am 30.9.1790 in einem Brief an seine Frau Constanze

„Ich lebte mit den Toten. Alle Erinnerungen tauchen wieder auf. Ich entsinne mich der kleinsten Dinge. (…) Allein und einsam bin ich umringt von tausenderlei Erinnerungen. Sie reißen mir das Herz auf und hinterlassen klaffende Wunden.“
Edvard Munch,
Febr. 1890, vermutlich Notizen oder Tagebuchaufzeichnungen

„Aber ich glaube fast, wir sind allesamt Gespenster, Pastor Manders. Es ist ja nicht nur, was wir von Vater und Mutter geerbt haben, das in uns herumgeistert; auch alte, abgestorbene Meinungen aller Art, alte, abgestorbene Überzeugungen und ähnliches. Sie sind nicht lebendig in uns; aber sie sitzen doch in uns fest, und wir können sie nicht loswerden …“

(Helene Alving in der Familientragödie „Gespenster“, Henrik Ibsen, 1881)

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