Antigone

von Sophokles
Deutsch von Udo Segerer

Eine Inszenierung mit dem Junges Schauspiel Ensemble München (2012)

 

 

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Wer hat Recht, und wer hat Unrecht? Kreon, der erklärt, es sei nicht Recht, die Leiche eines Verräters, der einen Anschlag auf seine eigenen Leute verübt hat, zu begraben? Oder Antigone, die genau dies für Recht hält und den Gefallenen, ihren Bruder, gegen das Verbot begräbt? Das Drama des Sophokles endet in der Katastrophe.

Michael Stacheder verlegt in seiner Inszenierung die Handlung aus dem vom Krieg gezeichneten antiken Theben radikal in die Gegenwart: Wir sehen einen traumatisierten ehemaligen Oberst der Deutschen Bundeswehr, der sich durch die Antigone des Sophokles an ähnliche Vorkommnisse während seines Auslandseinsatzes erinnert. In seinem Kopf und auf der Bühne mischen sich erlebte Realität und Fiktion des Dramas: Ein Soldat hat in einem Amoklauf einen Anschlag auf seine eigenen Kameraden verübt. In dieser Extremsituation verkündet der neue Kommandeur des Lagers, man solle alle Gefallenen die letzte Ehre erweisen, dem Attentäter aber nicht. Einer der Kameraden verweigert den Befehl.

Die Frage, die das antike Drama aufwirft, stellt sich erneut – in Bezug auf den konkreten Fall und in Bezug auf die Politik im Großen: Wie weit geht der Mensch, wenn er meint, im Recht zu sein? Und was passiert, wenn er an einen gerät, der das Gegenteil für Recht hält?

Eigentlich müsste es Kreons Nacht heißen.
Michael Stacheder, 2012

 

 

Szenenbilder von Aylin Kaip während der Fotoprobe, Oktober 2012 

 

Pressestimmen

„In der Antigone-Inszenierung des Jungen Schauspiel Ensembles München sind die Protagonisten traumatisierte Bundeswehrsoldaten. Der ungewöhnliche Ansatz gelingt. (…) Die Inszenierung von Antigone im Kleinen Theater Haar beginnt mit einem unverblümten Angriff auf Nerven und Sinne des Publikums. Regisseur Michael Stacheder hat den antiken Dramenstoff des Sophokles aus dem vom Krieg gezeichneten antiken Theben in die Gegenwart verlegt. Die Produktion verknüpft den zeitlosen Konflikt zwischen Staatsräson und höheren, heiligen Gesetzen mit einer Thematik, die in Deutschland gewöhnlich keine Aufmerksamkeit genießt: Posttraumatische Belastungsstörung bei Soldaten. (..) Was an der Inszenierung besonders beeindruckt, ist neben dem Bühnenbild die mediale Nutzung wie die Bildzitate aus Mitschnitten über den Taliban-Angriff (…) ist die Inszenierung in jedem Fall ein intensives, spannendes Theatererlebnis mit albtraumhaften Elementen „Wäscheleine mit blutigen Uniformen), detailgetreu in der Ausstattung, und nicht zuletzt eine Herausforderung für den Kopf.“
(Süddeutsche Zeitung, Oktober 2012)

„Der Grundkonflikt Staatsräson und –gehorsam contra göttliches Gebot und Gewissen, denen sich Antigone verpflichtet fühlt, wird von Stacheder klar herausgestellt. (…) Bühne, Kostüme und Licht schaffen rauchig-graue Kriegsatmosphäre.“
(Münchner Merkur)

„Packende Antigone in der Stadthalle Bayreuth. (…) Es ist beeindruckend, wie gut sich der antike Stoff und die heute bestehende Problematik auf einen Nenner bringen lassen – weil der Konflikt, um den es geht, exakt der gleiche ist. (…) So verstörend kann, darf, muss Theater eben auch mal sein. Umso besser, wenn es so gut gelingt.“
(Nordbayerischer Kurier)

„Eine unsichtbare Last legte Regisseur Michael Stacheder auf die Figuren. Sie wurde durch den Habitus der Schauspieler sichtbar und jeder vermochte diese auf seine Weise auszudrücken. (…) Am Ende des Stückes beherrschte beredtes Schweigen den Theaterraum, bis die Zuschauer zum wohlverdienten anhaltenden enthusiastischen Applaus anhoben.“ (Theaterkritiken München)

Nervenzerrende Musik dröhnt, „Antigone! Ismene!“ flüstert’s von allen Seiten, im Nachtradio läuft eine heitere Sendung über Kriegsheimkehrer, am Boden krümmt sich Kreon, ein traumatisierter ehemaliger Bundeswehr-Oberst, ein Soldat mit weißer Tragödienmaske schaut drohend durch die Tür: Das ist der starke Beginn von Sophokles‘ Antigone. (…) Udo Segerer (…) hat den Text neu übersetzt: griffig, ohne Griechisch-Anbetungs-Staub, sehr verständlich und direkt. (…) Ein glücklicher Regieeinfall sind die fast ständig beobachtenden und kommentierenden zwei Presseleute als antiker Chor. (…)  Nach packend-intensiven 80 Minuten ist der Vorhang zu – und alle sind betroffen.“
(Oberbayerisches Volksblatt)

Regie Michael Stacheder
Bühne, Kostüm und Video Aylin Kaip
Licht Solveig Perner
Fachbetreuung Bundeswehr/PTBS Robert Sedlatzek-Müller
Regie- und Produktionsassistenz Simone Birkner

Mit Franziska Ball, Joachim Aßfalg, Joachim Birzele, Ruben Hagspiel, Robert Ludewig

Premiere am 10. Oktober 2012, Kleines Theater Haar